Wenn die Lauterach leuchtet

Der Allerseelengottesdienst in Schmidmühlen ist ein bisschen anders als andernorts: Hier bringen die Kinder Schiffchen mit, auf denen schon die Kerzen brennen. Pfarrer Werner Sulzer segnete am Montagabend diese "Lichter des Glaubens", die danach in den "Fluss des Lebens" gesetzt wurden.
Lokales
Schmidmühlen
04.11.2015
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Kurz zuvor hatte Pfarrer Werner Sulzer noch von Lichtern des Glaubens gesprochen, die die Schmidmühlener Kinder in den Fluss des Lebens setzen. Ein schönes Bild. Um so mehr, als es wenig später Wirklichkeit wird.

Ihre Allerseelenschiffchen haben die Kinder bereits zum Gottesdienst in St. Ägidius mitgebracht. Das Lichtermeer unter bunten Segeln ist ein schöner Rahmen für das kirchliche Gedenken an die Verstorbenen, das am 1. November vielerorts üblich, in der Marktgemeinde aber mit einem ganz besonderen Brauch verbunden ist: Nach der Messe lassen die Kinder hier Kerzen auf kleinen Booten die Lauterach flussabwärts treiben. Eine Tradition, die es in dieser Form nur in Schmidmühlen gibt.

Lichter-Tanz auf dem Fluss

Es ist tatsächlich ein ergreifender Anblick, wenn unzählige, hell flackernde Lichter in der Dunkelheit des Allerseelen-Abends langsam den Fluss hinunter tanzen.

Michael Koller, der dieses Schauspiel auch diesmal von der Lauterach-Brücke aus mitverfolgt, fühlt sich an seine Kindheit erinnert: Der heute 74-Jährige hat es damals, als kleiner Pimpf, gar nicht erwarten können, bis der übliche Rosenkranz in der Friedhofkirche endlich beendet war - und er und seine Freunde ihre Schiffchen zu Wasser lassen konnten. Natürlich selbst gebaut. "Wir hatten damals ja nichts", erzählt Koller. Doch die Kinder machten das mit Fantasie und Geschick wett - verwendeten Baumrinde oder ein Stück Holz, das sich die Burschen vom nahe gelegenen Sägewerk "organisierten". Darauf setzten sie Kerzen oder auch die Reste der Wachsstöckl, die zuvor noch in der Friedhofkirche gebrannt hatten.

Zu Zeiten, in denen es noch nicht in jedem Gotteshaus Strom gab, waren diese nicht nur symbolisch, sondern auch als echte Lichtquellen im Einsatz. Elektrizität ist längst selbstverständlich geworden. Und doch hat sich die Tradition der Allerseelenschiffchen erhalten.

Obwohl sie schon einmal verlorengegangen war. Der Heimat- und Kulturverein hat sie vor gut zehn Jahren neu belebt, nachdem sie einst dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen war: Zur Zeit der Fliegerangriffe wäre es zu gefährlich gewesen, mit Kerzen im Freien auf sich aufmerksam zu machen, deshalb wurde der Brauch damals verboten.

Selber basteln muss sein

Aus zunächst kleinen Anfängen vor zehn Jahren hat sich unter Regie des Vereins und mit Unterstützung der Feuerwehr ein Ereignis entwickelt, das inzwischen auch Interessenten von außerhalb anlockt. Den Gedanken, dafür einheitliche Schiffchen zu kaufen, habe man schnell wieder verworfen, sagt Vereinsvorsitzende Eva Eichenseer, während sie zusieht, wie die leuchtenden Boote eines nach dem anderen ins Wasser gesetzt werden. Dass die Kinder ihre Schiffchen selbst basteln, gehöre einfach dazu, meint sie - und freut sich, dass diese Idee sogar in der Schule aufgegriffen wird: Die Rindenschiffchen mit den mit bunten Punkten bedruckten Segeln sind dort entstanden. Dazu gesellen sich stattliche Holzbarkassen mit Filzsegeln und sogar ein imposanter Windjammer, der wie ein Piraten-Dreimaster aussieht. Papa habe geholfen, verrät der kleine Kapitän, bevor er ihn in See stechen lässt.

Dabei packt die Feuerwehr mit an, die dafür gern mit Wathose in die November-kalte Lauterach steigt. Schließlich soll kein Kind im Eifer des Gefechts abtauchen. Und natürlich wollen alle am Ende ihre Boote wiederhaben. Die Feuerwehr fischt sie weiter flussabwärts wieder heraus - schließlich sollen sie auch nächstes Jahr wieder für alle Seelen leuchten.
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