Seit 40 Jahren Dienst im Kindergarten
1500 Buben und Mädchen auf dem Schoß

Dieses Spielzeug hat sich bewährt. Stefan und Julian spielen mit denselben bunten Plättchen, mit denen sich Ende der 70er-Jahre schon ihre Eltern beschäftigt haben. Bild: Hartl
Vermischtes
Schmidmühlen
29.02.2016
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Ein Bild fürs Album: Frieda Bauer betreut seit 40 Jahren Buben und Mädchen im Schmidmühlener Kindergarten. Am Tag ihres Dienstjubiläums war die kleine Eva zum ersten Mal da. Deren Mutter saß bei Frieda Bauer auch schon auf dem Schoß. Bild: Hartl
 
Früher war der Alltag ruhiger. Heute wird vieles von außen in den Kindergarten hineingetragen.
Schmidmühlen: Kindergarten St. Georg |

Kaum hat sich Frieda Bauer hingesetzt, schlüpft schon wieder einer ihrer Schützlinge durch die Armbeuge. Seit 40 Jahren kuscheln sich auf diese Weise kleine Schmidmühlener in den Schoß der Kinderpflegerin. Ihre Oberschenkel haben in all der Zeit nicht gelitten - die Sicht auf Erziehungsfragen aber schon.

In der Bauecke fliegen die Fetzen. Zwischen Holzklötzen und Bücherregal müht sich ein Bub mit aufgeblasenen Backen an einem Korb ab, der bis zum Rand mit Spielzeug gefüllt ist. Ausschütten will er ihn. Als der Inhalt endlich auf den Boden prasselt, grinst der Kleine über das ganze Gesicht. "Heute ist es relativ ruhig", sagt Frieda Bauer und lächelt inmitten des Tumultes. Sie ist andere Tage gewohnt.

In den vergangenen 40 Jahren hat Frieda Bauer die Fähigkeit entwickelt, auch während des größten Tohuwabohus Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen. Seit 1976 betreut sie die Buben und Mädchen im katholischen Kindergarten St. Georg. Für mehr als 1500 Schmidmühlener war sie schon Ersatzmama. Am Tag ihres Dienstjubiläums kam die kleine Eva zum ersten Mal in die Vormittagsgruppe. "Das war etwas Besonderes für mich", sagt Bauer. "Ich habe damals ihre Mama schon betreut." Damals, das war eine andere Zeit. "Es war alles vollkommen unkompliziert", erzählt die 57-Jährige von den Anfangsjahren der Einrichtung. Mit unkompliziert meint sie nicht nur die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - Vorschriften, Anforderungen, Pflichten -, sondern vor allem die Kinder. "Sie waren ausgeglichener. Sie konnten sich noch über einen längeren Zeitraum mit etwas beschäftigen." Heute sei das anders. "Wir beobachten schon seit Jahren, dass sich viele Kinder nicht mehr ausdauernd auf eine Sache konzentrieren können", erklärt auch Angela Graf. Sie leitet den Kindergarten seit 1989.

Eine Flut von Reizen


Was ist passiert in den vergangenen 40 Jahren? "Reizüberflutung", sagt Graf kurz und knapp. "Es kann schon mal vorkommen, dass der eine oder andere bereits am frühen Morgen dem Fernseher ausgesetzt ist oder am Computer Spiele macht." Auch am Nachmittag sind diese Medien im Einsatz. "Uns ist es wichtig, hierzu Gegenakzente zu schaffen, indem wir Raum für viel Bewegung, Ruhe und Entspannung anbieten." Hinzu kommt, dass die Kinder oftmals ein straffes Freizeitprogramm zu absolvieren haben und wenig Zeit für sich selber und das Spielen bleibt. "Wir beraten die Eltern dahingehend, dass sie darauf achten, ihr Kind nicht durch einen Marathon an Unternehmungen zu überfordern."

Kreatives Potenzial wecken


Pfarrer Werner Sulzer hat sich dazugesetzt und das Gespräch verfolgt. Er nickt. Mehr Ruhe und Beständigkeit wünsche er sich für die Kinder, sagt er. Eine Aufgabe, an der viele Mütter und Väter scheiterten. "Wenn ein Kind sagt: ,Mir ist langweilig!', dann ist das für die Eltern oft schon eine Beleidigung." Geradezu fieberhaft werde dann versucht, diesen Zustand abzustellen. Dabei liege gerade in der Langeweile die Kraft, das kreative Potenzial der Kinder zu wecken. "Die Langeweile fehlt", betont Pfarrer Sulzer. Dabei sei sie die Voraussetzung dafür, dass ein Kind sich selbst entdecken, seine Wahrnehmung stärken kann. Wie sich diese Wahrnehmung im Zeitalter zwischen Pumuckl und Smartphone gewandelt hat, kann Frieda Bauer erzählen. "Das beginnt damit, dass Kinder oft gar nicht mehr reagieren, wenn man sie anspricht." Die Fähigkeit, zuhören zu können, sei vielen Buben und Mädchen abhanden gekommen. "Oft fehlt es an grundlegenden Dingen. Zu grüßen, dem Gegenüber in die Augen zu schauen. Abzuwarten, bis der andere ausgeredet hat." Früher, da ist sich Bauer sicher, seien diese sozialen Komponenten von Haus aus besser ausgebildet gewesen. Das Kindergarten-Personal versucht, dem Nachwuchs Orientierung zu geben. Zum Beispiel, indem es dem Spielen an der frischen Luft einen hohen Stellenwert einräumt. "Die Kleinen sollen möglichst viel Natur erfahren", sagt Bauer. Doch St. Georg in Schmidmühlen kann sich dem Trend der Event-Pädagogik nicht ganz entziehen. "Früher war der Alltag ruhiger. Heute wird vieles von außen in den Kindergarten hineingetragen, was natürlich auch positive Auswirkungen für die Kinder hat."

Die Einrichtung kooperiert mit der Schule, für Vorschulkinder gibt es einen Deutschkurs. Unter dem Titel "Fit und gesund durch das ganze Jahr" arbeitet der Kindergarten mit dem Sportverein zusammen, zum Waldfest steht ein naturkundliches Begleitprogramm auf dem Plan, das Projekt Felix des deutschen Chorverbandes mit dem Motto "Wir singen gern" darf auch nicht fehlen. Einmal wöchentlich kommt die mobile Sonderpädagogische Hilfe, die den Eltern zur Beratung in Entwicklungsfragen zur Verfügung steht.

Erwartungen der Eltern


Mit all diesen Aktionen trägt der Kindergarten auch der Erwartungshaltung der Eltern Rechnung. "Da wird schon geschaut, was wir zu bieten haben", stellt Bauer fest. Vor 40 Jahren waren die Ansprüche noch nicht so hoch. "Da war das Sommerfest und das Feiern der kirchlichen Feste im Jahreskreis wichtig." In den Anfangsjahren gab es drei Angestellte für die Betreuung von rund 60 Kindern. Heute beschäftigt die Einrichtung elf Mitarbeiter für 77 Buben und Mädchen. Grund für diesen Wandel sind die neuen gesetzlichen Bestimmungen, die Öffnung für unter Dreijährige und die längeren Öffnungszeiten. Heute beginnt der Betrieb schon um 7 Uhr und endet um 16 Uhr. Da durchgehend geöffnet ist, gibt es für die Kleinen auch ein Mittagessen.

Trotz der veränderten Arbeitsbedingungen ist sich Frieda Bauer heute sicher, den richtigen Job gewählt zu haben. Auch deswegen, weil ihr die kleine Eva in die Augen schaut und sie anlächelt. Nicht nur von den Kindern kommt etwas zurück. "Wir genießen auch das Vertrauen der Eltern", unterstreicht Graf. "Die sagen zu uns: ,Ihr macht das schon!' Weil sie es ja waren, die vor 40 Jahren hier mit den Bauklötzen gespielt haben."

Früher war der Alltag ruhiger. Heute wird vieles von außen in den Kindergarten hineingetragen.Kinderpflegerin Frieda Bauer


Wir beobachten schon seit Jahren, dass sich viele Kinder nicht mehr ausdauernd auf eine Sache konzentrieren können.Kindergartenleiterin Angela Graf


Wenn ein Kind sagt: "Mir ist langweilig!", dann ist das für die Eltern oft schon eine Beleidigung.Pfarrer Werner Sulzer
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