Wintermarsch der Reservisten
Zu Besuch bei Aladin

Der Wintermarsch der Reservistenkameradschaft Schmidmühlen war wieder ein besonderes Erlebnis. Etwas mehr als 50 Teilnehmer marschierten quer durch den Übungsplatz, angeführt von Paul Böhm (links) und dem Kreisvorsitzenden, Oberstleutnant der Reserve Bertram Gebhard (Dritter von rechts).
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Schmidmühlen
01.02.2016
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Gespenstisch wirkt das Torhaus von 1662 mit dem Kreuzweg hinauf zur Ottilienkirche auf dem Schlossberg. Bis zur Ablösung 1951 war es das Armenhaus der Gemeinde Lutzmannstein. Der Kreuzweg befindet sich heute am Habsberg.
 
Aus dem Jahr 1951 stammt das Missionskreuz in Lutzmannstein: Es ist restauriert worden.

Am Ortsrand stehen kosovarische Schilder mit Dorfnamen, die keiner kennt. Vorbei an orientalischen Gehöften geht es zum verwaisten Straßencafé Aladin: Es lädt zu einem eiskalten Cappuccino ein.

Wer hier einkehren wollte, musste sehr zeitig aufstehen, sich warm anziehen und bereit sein, 15 bis 20 Kilometer bei nasskaltem Wetter auf eisglatten Wegen zu marschieren: Ein Wintererlebnis der besonderen Art hatten die Reservistenkameradschaften aus Schmidmühlen, Mendorferbuch, Hausen, Hohenkemnath und Poppenricht.

Mitten drin im Übungsplatz


Trotz der Temperaturen um den Gefrierpunkt brechen über 50 Teilnehmer mit Unterstützung der Pateneinheit der Reservistenkameradschaft Schmidmühlen, der 1. Kompanie des Logistikbataillons 472 aus der Kümmersbrucker Schweppermannkaserne, zu einem Marsch quer durch den Truppenübungsplatz Hohenfels auf. Möglich wurde dies durch die Genehmigung der amerikanischen Streitkräfte in Hohenfels in der übungsfreien Zeit, erzählen Schmidmühlens RK-Vorsitzender Alfred Geitner und Paul Böhm als Organisator der Veranstaltung.

Von Schmidmühlen aus waren die Reservisten zunächst mit dem Bus losgefahren, um sich von Absetzpunkten bei Schwärz, Freischwei-bach, Albertshofen, Reichertswinn, St. Coloman und Dantersdorf auf den Weg in eine Welt zu machen, die man oft nur noch vom Hörensagen kennt. Durch den Graben über die Ringstraße - und schon sind die Beteiligten mitten im Übungsgeschehen, wobei an diesem Tag natürlich niemand sonst zu sehen ist. Einige Stunden brauchen die Gruppen, um die ehemalige Ortschaft Raversdorf im Nebel zu finden. Fremdländische Szenarien begleiten die Tour durch das Militärgelände. Die Teilnehmer bestaunen die Holzhütten der kleinen Basarstraße, in der es auch ein Straßencafé gibt. Hier hätte man eiskalten Cappuccino bekommen.

Das Minarett im Nebel


Gleich hinter den Häusern verläuft eine Ölpipeline, dazu gesellen sich Autowracks. In einer Auslage warten Zigaretten auf Käufer, dazu allerlei Schnickschnack, Computer, Kochtöpfe und Kinderwägen: Alles Dinge, die in den verschiedenen Übungsszenarien der kommenden Tage eine kleine Rolle spielen.

Fremdländisch mutet das nebelverhangene Minarett an - mitten in der Oberpfalz. Aber auch das gehört zu möglichst realistischen Übungsbedingungen. In den Dörfern ist schon alles vorbereitet - für mehr als 2000 Soldaten aus zehn verschiedenen Nationen, die in Hohenfels das multinationale Zusammenspiel trainieren sollen.

Blick in die Vergangenheit


Mehrere Marschgruppen haben sich den Taleinschnitt bei Lutzmannstein als Etappenziel ausgesucht. Sie wollen sich in dem Dorf umschauen, in dem bis zum Herbst 1951 noch 296 Menschen gelebt haben. Ein Aufstieg auf den knapp 600 Meter hohen Burgberg mit dem Ottilien-Kirchlein bringt zum Bedauern der Gruppe nicht die erwartete Fernsicht: Der Hohenfelser Nebel hängt dick und tief in den Tälern.

Beim Abstieg bestaunen alle den Backofen im ehemaligen Pfarrhaus, der im vergangenen Jahr seine Feuertaufe beim Brotbacken nach fast 65 Jahren Dornröschenschlaf erlebte. Beim Kramerladen, der Schloud-Marie, gibt es eine Gartenbank. Hier zieht es aber mächtig durch - auf knapp 550 Metern Höhe. Im Sommer freilich ist das hergerichtete Haus ein begehrtes Quartier für verschiedene Fledermausarten, kann man an aufgestellten Tafeln nachlesen.

Das Lutzmannsteiner Schloss haben die Amerikaner im vergangenen Jahr mit einem gewaltigen Kraftakt gesichert - zumindest an der über 30 Meter langen Frontseite samt den Seitenflügeln. Ein Blick in die Vergangenheit ist das allemal: Lutzmann-stein war Sitz einer Hofmark, deren Einzugsgebiet bis nach Allersburg und Hausen reichte. Weiter geht es, über die Neger-Kreuzung bei Karlsberg. Die trägt ihren Namen, weil die ehemaligen Bewohner den Hausnamen "Beim Neger" hatten.

Die Reservisten orientieren sich Richtung Georgenthal und Judeneidenfeld mit dem Ziel Raversdorf. Hier gibt es frisch zubereiteten Eintopf, dazu Tee, Marke Kaminzauber, von Kompaniechef Hauptmann Jürgen Seim höchstpersönlich eingeschenkt. Wer will, bekommt auch noch ein Gläschen Glühwein oder dampfenden Kaffee samt Marmorkuchen als besondere Aufmerksamkeit aus der Feldküche.

Deren Chefs Alfred Geitner, Hermann Koller und Heinrich Hintermeier wissen: Auch bei den Reservisten gilt das Motto "Ohne Mampf kein Kampf".

Richtung Norden


Dann ist die Mittagspause am wärmenden Feuer auch schon wieder vorbei. Neue Koordinaten werden verteilt und die Gruppen rücken dick eingemummt in Richtung Norden ab, nach Hohenburg. Dort wartet der geheizte Bus für die Rückfahrt.

So war's vor 65 JahrenIm Spätherbst 1951 mussten die Bewohner ihre Dörfer im heutigen Übungsplatzgelände räumen, um den Militärs Platz zu machen: Über 3200 Menschen wurden damals abgesiedelt und mussten eine neue Heimat finden.

Der sich abzeichnende Kalte Krieg und der Eiserne Vorhang machten es erforderlich, ein großräumiges militärisches Übungsgebiet in Süddeutschland einzurichten. "Mitte des Jahres 2016 werden es 65 Jahre, dass man zum ersten Mal von der Absicht hörte, die Region um Hohenfels militärisch zu nutzen", erzählt Paul Böhm aus der Geschichte des Truppenübungsplatzes.

Die Gegend hat ihren besonderen Reiz für die Reservisten: Viele der einst abgesiedelten Familien fanden in der unmittelbaren Nachbarschaft des Übungsplatzes eine neue Heimat. Von ihren früheren Dörfern ist oft nicht mehr viel übrig. In der Ortschaft Griffenwang sieht man zwischen verwilderten Obstbäumen die Ruine der Kirche. Man erkennt jetzt im Winter besonders deutlich die Konturen der Feldraine mit den Schlehenhecken. Da wechselt lautlos eine Rotte Wildschweine wie aus dem Nichts über die Panzerstraße und taucht dann in die Ruinen der Ortschaft ein. Ein Stück weiter ist auf einer Waldlichtung majestätisch anzusehendes Rotwild auf Futtersuche: Aus den ehemaligen Siedlungen ist wieder unberührte Natur im Oberpfälzer Jura geworden.

Um diese Jahreszeit beeindruckt die ruhig daliegende Landschaft mit ihren weiten Flächen. Sie waren einst Äcker und Wiesen, wurden dann Jahrzehnte als Übungsgelände genutzt - und wurden jetzt von der Natur zurückerobert.

Erkennbar sind die großen Anstrengungen des Bundesforstes, markante Taleinschnitte und Felsen zu entbuschen. Man ahnt den enormen Aufwand, mit dem die Amerikaner Regenrückhaltebecken angelegt haben, um die Wassermassen geordnet ins Lauterachtal abfließen zu lassen.

Und dann ist da noch Kittensee: Hier waren einmal 76 Menschen beheimatet. Das Kirchlein St. Sebastian ist schon schwer in Mitleidenschaft gezogen und einsturzgefährdet. Von diesem Dorf ist heute fast nichts mehr zu sehen. (bö)
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