Guillotine steht auf dem Buchberg
Ruchlose Gesellschaft gibt sich die Ehre

Ein Tango im Angesicht des Todes: Mackie Messer ist ebenso charmant wie gerissen.
Kultur
Schnaittenbach
29.05.2016
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Auf den Club der Schwarzen Witwen ist Verlass: Sie wissen, wie man die bessere Hälfte todsicher unter die Erde bringt. Die Hilfe der Damen braucht auch Mrs. Peachum (rechts), gespielt von Kerstin Donhauser. Sie will nicht ihren Gatten loswerden, sondern den Schwiegersohn. Bilder: Petra Hartl (3)

Schwere Jungs und leichte Mädchen, ein Bettler-König und ein Berufsgauner: Ruchlos sind sie alle, zum Verrat jederzeit bereit - wenn es um ihren eigenen Vorteil geht. Und die Guillotine ist gar schnell auf dem Buchberg aufgebaut.

Freitagabend, kurz vor 20 Uhr: Thomas Reiß, Vorsitzender der Freilichtbühne am Buchberg, schaut prüfend zum Himmel. Ob es wohl aushalten wird, das Wetter? Das fragen sich auch die Zuschauer, die zur Premiere gekommen sind. Doch sie haben vorsichtshalber warme Jacken und Decken eingepackt. Und wenn doch der Regen kommt? Thomas Reiß ist zu Scherzen aufgelegt: "Zum Stück würd's passen, ein englisches Schmuddelwetter." Doch darauf verzichten alle gerne, Akteure wie Zuschauer.

Spiel, Tanz und Gesang


Ein spannungsgeladenes Stück erwartete die Besucher: "Die Bettleroper", eine musikalische Komödie nach John Gay, in einer bayerischen Version von Johannes Reitmeier bearbeitet und von den Schnaittenbachern mit viel Lokalkolorit versehen. Eine Satire auf die Ruchlosigkeit der Gesellschaft, ein Stück von Korruption und Doppelmoral, von Geld und Macht, von Liebe und Eifersucht, von Gaunern, denen der Galgen droht, und ebensolchen Gaunern, die sie auf der Guillotine sehen wollen. All das trefflich darzustellen, die einzelnen Charaktere perfekt herauszuarbeiten, Livemusik und Gesang zu integrieren, aus fast 50 Mitwirkenden ein Team auf der Bühne zu formen: Das ist dem gesamten Ensemble geglückt, vortrefflich sogar.

Betteln auf den Rängen


Ob es nun die Bettler sind, die deren Boss Peachum (Markus Nagler) sogar in die ersten zwei Publikumsreihen schickt, um Geld ranzuschaffen, oder die dauerbesoffene Mrs. Peachum (Kerstin Donhauser), die schließlich einen teuflischen Plan schmiedet, für dessen Umsetzung sie nur zu gerne auf die Erfahrungen des Clubs der Schwarzen Witwen (Julia Reindl, Monika Luber, Lydia Ries, Gitte Reiß, Elke Lorenz) zurückgreift, um ihre Tochter Polly (Christina Nagler) vor der schlimmsten Schande zu bewahren, die über die Familie kommen kann: die Ehe.

Natürlich nicht irgendeine Hochzeit, sondern ausgerechnet die mit Macheath (Stefan Reindl), Mackie Messer genannt. Skurril sind die Vorgänge auf der Bühne, wenn Macheath zwischen zwei Bräuten hin- und her fetzt, weil er nicht nur Polly, sondern auch Lucy (Sabine Nagler) ehelichen will. Letztere ist ausgerechnet die Tochter des Polizeichefs Lockit (Wolfgang Gerhards), der weder dem Geld, noch der Macht, noch dem Verrat abgeneigt ist.

Verrat und eigener Vorteil


"Ich dreh durch, ja sakra - is des Heiraten anstrengend", stöhnt Mackie Messer und sucht sein Heil in der Flucht. Er findet es in der Lucerna-Bar von Suki Tawdry (Sebastian Reindl), wo mit Spelunken-Jenny (Christine Freitag) eine weitere Ehe-Aspirantin wartet. Und ein Eierlikör-Red Bull, der es in sich hat ...

Lug und Trug beherrschen die Bildfläche, das Bühnenbild dreht sich ähnlich rasant wie die verschiedenen Allianzen, die geschmiedet werden, vor Verrat schreckt niemand zurück - sofern es zum eigenen Vorteil ist. Eine zutiefst ruchlose Gesellschaft gibt sich die Ehre auf dem Buchberg - insgesamt noch fünf Mal und für jede Vorstellung gibt es noch Karten an der Abendkasse. Sie spielen teuflisch gut, sie singen himmlisch schön, das Barmusik-Trio mit Andrea Eichenseer (Klavier), Christian Häusler (Kontrabass) und Maxi Nagler (Schlagzeug) unterlegt das amüsante Schauspiel mit den stets passenden Tönen.

Gut für das Publikum, dass die Freilichtbühne am Buchberg die Herausforderung angenommen hat, die Bettleroper zu inszenieren. Ihre komplette Skrupellosigkeit demonstrieren alle, als der Gauner gehängt werden soll und Gauner zu Henkern werden - doch das Fräulein Anni (Anja Fröhlich), die biedere Sekretärin des Polizei-Chefs, hat zum richtigen Zeitpunkt den Finger am Abzug. Und das englische Schmuddelwetter als letzter Baustein eines eh schon perfekten Bühnenbilds? Och nö, das muss wirklich nicht sein, da reicht die eigene Fantasie völlig aus. Bleibt zu hoffen, dass alle weiteren Aufführungen ebenso trocken über die Bühne gehen wie die Premiere.

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Bildergalerie im Internet:

www.onetz.de/bildergalerie

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