Redewendung "zerissene Zeit"
"Zwischen den Zeiten" eine zerissene Zeit

Martha Pruy. Bild: upl
Kultur
Schnaittenbach
31.12.2015
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"Zwischen den Jahren" scheint nichts und doch viel zu passieren. Wir kommen gerade zur Ruhe, wollen innehalten - und sind plötzlich im neuen Jahr. Wo ist die Zeit zwischen Dezember und Januar hin?

Diese Tage fehlen nicht im Kalender, sondern stehen für die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar. Zurückzuführen ist der Begriff auf einen christlichen Streit um den Zeitpunkt der Geburt Jesu. Es herrschte darüber Verwirrung, wann das neue Jahr nun beginnen sollte.

Nicht einzuordnen


So feierten die einen den Jahreswechsel am 25. Dezember, die anderen erst am 6. Januar. Für manche fing das neue Jahr sogar erst mit dem Frühlingsbeginn am 21. März an. Begegneten sich also Menschen verschiedener Regionen mit unterschiedlicher Zeitrechnung, trafen sie sich "zwischen den Jahren". Eine passende Bezeichnung, wie die Schnaittenbacher Heimatpflegerin Martha Pruy findet: "Damals haben die Menschen halt gemeint, die Zeit nicht einordnen zu können."

Wobei schon Papst Gregor XIII. den 1. Januar als Neujahrsbeginn festgelegt habe, weiß Pruy. Er habe den Julianischen Kalender durch den Gregorianischen ersetzt, den allerdings protestantische Regionen ablehnten und ihre gewohnte Zeitrechnung beibehielten. Erst Papst Innozenz XII. ordnete das Zeiten-Chaos und legte 1691 den 1. Januar als einheitlichen Jahresanfang fest.

Bis heute gilt dieses Datum international in Wirtschaft, Verkehr und Wissenschaft als Neujahr. Trotzdem gibt es Kulturen und Religionen, die Papst Innozenz XII. mit seiner neuen Zeitrechnung nicht erreicht hat. Weil es für sie keinen Grund gibt, sich an die päpstliche Reform zu halten, haben sie noch heute andere Jahresanfänge oder sogar Jahreszählungen.

So war der jüdische Jahresanfang bereits am 14. September, im Islam einen Monat später. Mit dem Sonnenuntergang am 14. Oktober begann auch das islamische Jahr 1437. In China dagegen steht das Neujahrsfest noch aus. Dort feiert man den Jahreswechsel am 8. Februar 2016. Weil die Volksrepublik erst seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die gregorianische Zeitrechnung angenommen hat, fällt das Neujahrsfest immer zwischen den 21. Januar und 21. Februar.

Frau Holle gegen Donar


Die Zeit "zwischen den Jahren" kennen viele auch als "Rauhnächte", in denen Dämonen ihre wilde Jagd treiben. Es ist ein Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, wie Pruy erklärt. "Man sagt auch, dass Frau Holle und Donar aneinandergeraten." Zur Wintersonnwende am 21. Dezember endet die Jagd und die Dämonen zeigen ihre freundliche Gesichter.

Sie sieht in den zwölf Tagen aber auch die Chance für Veränderungen. "Menschen können alte Gewohnheite loslassen und neue Lebenswege einschlagen." Es scheine zwar so, als ob sich zwischen den Jahren nichts rühre; Natur und Mensch kehren in sich. "Dabei sammeln sie Kraft, um Neues anzupacken."

Die Zeit zwischen den Jahren war und ist mit vielen Geschichten und mit Aberglauben verbunden. Für bare Münze sollte man das aber nicht nehmen, wie die Heimatpflegerin betont. "Es gibt nämlich nichts Schriftliches, sondern nur mündliche Überlieferungen." So soll es Unheil heraufbeschwören, zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag Wäsche zu waschen oder zu nähen.

"Weihnachten ist eben eines der höchsten kirchlichen Feste, deshalb musste alles mit Bedacht getan werden." Die Tage zwischen den Jahren seien aber nicht nur von Dämonen und bösen Geister geprägt. Eine Begegnung in dieser Zeit konnte neue Freundschaften entstehen lassen oder bestehende vertiefen. Es war außerdem Tage, in der sich Träume erfüllen konnten.

Auf das Leben besinnen


Für Bauern hatten die Rauhnächte auch eine meteorologische Bedeutung. Je nachdem, wie das Wetter an jedem der zwölf Tage war, so soll das Wetter im kommenden Jahr werden. "Sie haben über Nacht einen Teller mit Apfel- oder Zwiebelstücken vor die Tür gestellt und am nächsten Tag die Feuchtigkeit überprüft."

Die Bräuche haben sich geändert, nicht aber die Einstellung der Menschen zwischen den Jahren. "Sie besinnen sich jedes Mal darauf, was es heißt, zu leben."
Damals haben die Menschen halt gemeint, die Zeit nicht einordnen zu können.Heimatpflegerin Martha Pruy
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