Pfarrer stirbt in NS-Haft

Das Priestergrab im Schnaittenbacher Friedhof, in dem Pfarrer Kramer schließlich beigesetzt wurde.
Lokales
Schnaittenbach
26.03.2015
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Die ältesten Pfarrangehörigen können sich an Pfarrer Karl Borromäus Kramer noch als rechtschaffenen, gewissenhaften und engagierten Seelsorger erinnern. Er starb heute vor 70 Jahren nach 144 Tagen KZ-Haft als Opfer des Nationalsozialismus.

Geboren wurde Kramer 1881 im Deggendorfer Ortsteil Geiersberg. Er wuchs in wohlgeordneten Verhältnissen auf. Ab 1900 besuchte er das Regensburger Priesterseminar. Nach der Priesterweihe 1905 absolvierte er mehrere Stationen als Hilfspriester, ehe er 1912 Kooperator in Hirschau wurde und 1913 Benefiziumsprovisor in Waldau.

Ab 1927 war er Pfarrer von Schnaittenbach. Die Gläubigen schätzten ihn als stillen, eifrigen und gewissenhaften Priester, dem das Heil seiner Pfarrkinder sehr am Herzen lag. Mit diesen Eigenschaften passte er nicht in die Zeit des Nationalsozialismus ab 1933, in der Machtstreben und Unrecht herrschten. Vorsichtig und klug abwägend begegnete Kramer den Schnaittenbacher Mitgliedern der NSDAP mit ihrem allgegenwärtigem Parteiapparat im Rücken. Gegen das NS-Regime wandte sich Kramer vor allem deshalb, weil er die antireligiöse Erziehung der Kinder und Jugendlichen verurteilte. Wahrscheinlich aus diesem Grund erhielt er Unterrichtsverbot an der Schule.

Im Visier der Gestapo

Vor allem zum Ende des Weltkriegs versuchte die Gestapo sich unliebsamer Geistlicher zu entledigen. Zu diesen gehörte auch Kramer. Nach den Aufzeichnungen der Augenzeugin Zenta Schramm geschah am 1. Januar 1944 in Schnaittenbach folgendes: An diesem Sonntag zwischen 6 und 7 Uhr waren vier Personen in der Kirche, um zu beichten: der "Bicherwirt" Jann, Zenta Schramm und eine Mutter mit ihrem etwa 15 Jahre alten Sohn. Letzterer war seit April 1943 freiwillig beim Landdienst, einer NS-Einrichtung. Er ging als Erster in den Beichtstuhl.

Nach eigenen Angaben sagte der Jugendliche dort, dass er seit Frühjahr 1943 nicht mehr in die Kirche gegangen sei, weil er in der Landdienstgruppe keine Ausnahme machen wollte und den Spott seiner Kameraden fürchtete. Pfarrer Kramer soll ihm die Absolution mit der Begründung verweigert haben: "Wenn man ein ganzes Jahr nicht in die Kirche geht und nicht zum Beichten, dann ist es so viel, wie wenn eine Mutter ihr Kind verkauft hat."

Mutter nach Beichte sauer

Da der Jugendliche seine freiwillige Meldung zum Landdienst zugab, sagte Kramer zu ihm: "Es ist gut, komm später wieder einmal, wenn du dich gebessert hast." Weinend verließ der Bub den Beichtstuhl und erzählte alles seiner Mutter. Diese stellte Kramer zur Rede, wurde im Beichtstuhl sehr laut und schlug beim Verlassen der Kirche die Tür heftig zu. Beim anschließenden Besuch im Pfarrhof kündigte sie an: "Herr Pfarrer, das Nachspiel kommt noch." Als der Ortsgruppenleiter von dieser Sache erfuhr, zeigte er Kramer an, so dass im Juli 1944 die Polizei die Ermittlungen aufnahm. Dabei erklärte der Pfarrer, dass das alles unter das Beichtgeheimnis falle, weshalb für ihn Schweigepflicht bestehe.

Am 7. September 1944 fand in Amberg die Hauptverhandlung statt, wobei man den Eindruck gewann, dass die Mutter des Jungen eine "Bestrafung des Pfarrers nicht wünschte". Das Gericht verurteilte Kramer aber zu der vom Staatsanwalt beantragten Gefängnisstrafe von fünf Monaten. Ein Einspruch blieb erfolglos.

Abschied mit Tränen

Kramer wurde am 26. Oktober 1944 vom Staatsanwalt beim Landgericht Nürnberg-Fürth zum Strafantritt aufgefordert. Der Friedhofsgang an Allerheiligen, die Ewige Anbetung an Allerseelen und die Frühmesse am 5. November 1944 waren laut Zenta Schramm seine letzten seelsorgerischen Tätigkeiten in Schnaittenbach. Am Kirchplatz verabschiedeten sich weinende Frauen und Freunde.

Einen Tag später trat Kramer seine Strafe in Landsberg am Lech an. Einmal im Monat durfte er seiner Pfarrei schreiben. Die Antwortbriefe seiner Haushälterin Babette Gollwitzer und von Zenta Schramm wurden ihm aber vorenthalten. Seine ehemalige Schülerin Leni Graßler, die in Landsberg in Stellung war, besuchte ihn nach Weihnachten im Gefängnis. Sie erkannte ihn gar nicht mehr, so war er abgemagert. In seinem letzten Brief am 24. Februar 1945 schrieb Kramer an Zenta Schramm, dass sein Gesuch um Strafnachlass abgelehnt worden sei, so dass er bis zum 6. April in Haft bleiben müsse. Er werde dem Heiland und der Gottesmutter ein gehorsames Kind sein "und diese 40 Tage noch als Buße und Sühne für mich und meine Pfarrfamilie auf den Opferaltar legen".

Von Krankheit schwer gezeichnet starb Kramer am Dienstag, 27. März 1945, - also in der Karwoche - unter der Obhut der Barmherzigen Schwestern im Krankenhaus in Landsberg. Am Karsamstag wurde er dort in aller Stille beigesetzt, da eine Überführung nach Schnaittenbach wegen des Krieges nicht möglich war. Sein Pfarrnachfolger Simon Utz bemühte sich um Rücküberführung. Das gelang jedoch erst im November.

Kirchenpfleger Jakob Fruth, Mesner Josef Reindl und Totengräber Franz Enderer fuhren mit einem Lastwagen der Firma Kick und einem Zinnsarg nach Landsberg und holten den Leichnam Kramers heim. In Schnaittenbach wurde er am 13. November im Priestergrab beigesetzt.

Mehrere Gedenkorte

Die Erinnerung an Kramer, einen allseits geschätzten Diener Gottes, der "Christus treu war bis zu seinem Tod", ist in Schnaittenbach lebendig geblieben und zwar in Form einer Straßenbenennung bei der Pfarrkirche, eines 1966 als Sühnezeichen aufgestellten Feldkreuzes an der Weggabelung Steinbruchweg/Faberschlämm sowie einer Gedenktafel, die Hans Hirsch, Professor Manfred Stauber, Albert Wagner und Pfarrer Josef Gebhardt initiierten. Kramers Name steht zudem auf der Gedenktafel für Priester des Bistums Regensburg, die Opfer des NS-Regimes wurden, an der Südwand des Domes.
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