Mythos Demografischer Wandel
Die Renten-Lüge

Es gilt als Fakt: Der demografische Wandel macht das Rentensystem unbezahlbar, die Rentner arm. Nun regt sich Widerspruch auch aus der Region.
Politik
Schnaittenbach
13.04.2016
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Arbeiten bis 90? Nein, meinen Rudolf Kraus und Professor Gerd Bosbach: "Das Wort Demografie ist populär, vor allem, wenn es um Einschnitte ins soziale Netz geht", schreibt Statistikkritiker Bosbach. "Dann wird es von Politikern, Wissenschaftlern und Unternehmern benutzt, um zu belegen, dass es keine Alternative zu dieser oder jener Kürzung gibt." Bild: dpa

"Wo in Europa glauben Sie, sind Renten höher als bei uns?" Eine fiese Frage, mit der Rudolf Kraus zeigen will: "Kaum jemand kennt sich bei diesem Thema aus. Der Ex-Staatssekretär unter Norbert Blüm ("Die Rente ist sicher") ist überzeugt: "Die Menschen werden um den Lebensabend betrogen."

Mit Skandinavien liegt man meistens richtig. Kraus nickt. "Und weiter?" Schweiz und Österreich können auch nicht völlig verkehrt sein. Ein müdes Lächeln. "Weiter!" Was, die Benelux-Staaten auch noch? "Alle außer Tschechien und Polen", freut sich der Bezirksvorsitzende der Seniorenunion diebisch. Klar, denkt man, der Mann vertritt Rentner, was soll der auch anders sagen? Andererseits, deren Pension ist ja tatsächlich sicher.

Kopfschütteln über JU


"Wenn ich das schon les'", schaut er verächtlich auf die Schlagzeile. Die JU fordert mal wieder die Anhebung des Rentenalters. Was den Sozialpolitiker umtreibt: "Das ist eine Frage der Gerechtigkeit - wer lange arbeitet, muss die Möglichkeit haben, noch ein paar Jahre was davon zu haben." Kraus untermauert seine Position mit fundierten Argumenten:

Denkfehler Kopfzahl: "Auch wenn der Anteil der Rentner steigt", rechnet Kraus vor, "ist der Rentenanteil am Bruttoinlandsprodukt sogar gesunken." Was daran liege, dass die Löhne nicht entsprechend des Produktivitätszuwachses stiegen. "Große Firmen verschieben ihre Einnahmen nach Luxemburg, das mit dieser Hehlerprämie für ihre Zwergbevölkerung die 2,5-fache Rente finanziert."

Demografie-Mythos: Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung stellt die Argumentation infrage, die demografische Entwicklung mache das umlagefinanzierte Rentensystem unbezahlbar: "Mit 53 Prozent liegt die Relation von Erwerbstätigen zur Gesamtbevölkerung derzeit so hoch wie nie (im Babyboomer-Jahr 1970 waren es 44,2 Prozent)." Bei weiterhin steigender weiblicher Erwerbstätigkeit und Zuwanderung, würde der zu erwartende Rückgang von 41,9 Millionen Erwerbstätigen (2012) auf geschätzte 32,7 im Jahr 2050 durch den zu erwartenden Anstieg der Produktivität wettgemacht.

"Lügen mit Zahlen": In seinem gleichnamigen Buch kritisiert Statistik-Professor Gerd Bosbach, dass Politiker und Lobbyvertreter die Öffentlichkeit mit falschen Prognosen manipulierten. So sei schon im vergangenen Jahrhundert die Lebenserwartung um mehr als 30 Jahre gestiegen, der Jugendanteil habe sich von 44 auf 21 Prozent reduziert, der Anteil der über 65-Jährigen verdreifacht - doch die Katastrophe sei ausgeblieben. "Offenbar war die demografische Entwicklung nicht der bestimmende Faktor des letzten Jahrhunderts. Wichtiger waren die enorme Entwicklung der Produktivität, die zunehmende Gesundheit der Älteren, die Wanderungen in einer mobilen Welt, die Zunahme der Bildung."

Umverteilung nach oben: Bosbach widerspricht, dass die prophezeite Überalterung der Gesellschaft Ursache der Krise der Sozialsysteme sei. Seit der Wiedervereinigung sei die wirtschaftliche Leistung Deutschlands nach Angaben des Statistischen Bundesamts um knapp 30 Prozent gestiegen - trotz Arbeitslosigkeit, trotz Finanzkrise mit fünf Prozent Minus beim Bruttosozialprodukt 2009. "Wenn diese 30 Prozent nicht im Portemonnaie angekommen sind, hat das offensichtlich nichts mit Demografie zu tun, sondern mit der Umverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer."

Enteignung durch 0-Zins-Politik: Spätestens, seitdem die EZB die Bankenkrise mit Niedrigzinsen zu lösen versucht, wurden private Vorsorgeinstrumente wie die Kapitallebensversicherung massiv entwertet - ein Geschäft lediglich für die Versicherungswirtschaft. "Anstatt weiter Geld in Riester zu pumpen, das kaum etwas bringt", bilanziert Rudolf Kraus, "sollte man zurück zur effektiven, ökonomisch und sozial sinnvollen allgemeinen Rentenversicherung."

"Von Österreich kann man noch einiges lernen", sagt Kraus süffisant. Die Ruheständler im Nachbarland erhalten 14 Monatsrenten - ein langjährig Versicherter kommt mit den Zusatzzahlungen auf eine durchschnittliche Rente von 1820 Euro, in Deutschland auf 1050 Euro. Mini-Renten, die nicht zum Leben reichen, würden auf etwa 12 000 Euro im Jahr aufgestockt, nicht so hierzulande.

"Gerade unsere hart arbeitenden Industriearbeiter kann man doch nicht so um ihren gerechten Lohn betrügen", sagt der Christsoziale. "Wir sind ein reiches Land und wir können es uns leisten - erst recht, wenn die Digitalisierung 4.0 für den nächsten Produktivitätsschub sorgt."

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Weitere Informationen:

www.luegen-mit-zahlen.de
Gerade unsere hart arbeitenden Industriearbeiter kann man doch nicht so um ihren gerechten Lohn betrügen.Rudolf Kraus, Staatssekretär a.D.


Steigende Ausgaben für arme RentnerDie Bundesregierung rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Altersarmut. In ihrer mittelfristigen Finanzplanung gehe sie bis 2020 von einem Anstieg der Ausgaben für die Grundsicherung im Alter um 35 Prozent aus. Während für die Grundsicherung für Rentner im laufenden Jahr 6,51 Milliarden Euro im Haushalt eingeplant seien, seien es für das Jahr 2020 bereits 8,81 Milliarden Euro. (epd)

Rentner arm gerechnet

Angemerkt von von Jürgen Herda
Es ist ein wenig wie beim Spinat: Legionen von Kindern mussten wegen eines Rechenfehlers das grüne Geheckselte von Iglo runterwürgen. Dabei ist der Eisengehalt mutmaßlich geringer als der Insektenanteil. Nichts gegen Spinat. Das kann man verkraften.

Etwas gänzlich anderes ist es, wenn interessierte Kreise Menschen, die ein Leben lang hart gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt haben, vorrechnen: "Tja, tut uns leid, mehr als Sozialhilfeniveau geht nicht mehr." Wenn das dann noch ein Rechenfehler sein sollte, ist das ein Betrug an einer ganzen Generation.

Genau davon ist Statistik-Professor Gerd Bosbach überzeugt. Und der Mann weiß, wovon er redet. Er beriet das Finanz- und Wirtschaftsministerium und die wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages und stellte dabei fest: "Auch diese Leute lassen sich von Statistiken blenden."
2 Kommentare
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Johann Strasser aus Winklarn | 14.04.2016 | 07:43  
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Wolfgang Göldner aus Weiden in der Oberpfalz | 14.04.2016 | 10:40  
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