Interview mit Friedrich Brandl
Erinnern, um das Leid zu verstehen

Der Amberger Lyriker Friedrich Brandl hat die Gedichte des tschechischen Autors Bretislav Ditrych auf Deutsch nachgedichtet. Bild: Geiger
Kultur
Schönsee
23.11.2016
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Am Donnerstag, 24. November, stellt der tschechische Dichter Bretislav Ditrych sein Langgedicht "Bitter duftet Arnika. Der andere Böhmerwald" im "Centrum Bavaria Bohemia" in Schönsee vor. Friedrich Brandl, der die Nachdichtung ins Deutsche übernommen hat, begleitet ihn.

Bretislav Ditrych will mit seinen Arbeiten gegen das Vergessen ankämpfen, dagegen, dass das, was im Böhmerwald während und nach dem Zweiten Weltkrieg passierte, dem kollektiven Gedächtnis verloren geht. Deshalb hat der 1942 in Kolin an der Elbe geborene und in Prag lebende Schriftsteller das Langgedicht geschrieben, das vor einem Jahr bei "Arsci" in Prag mit Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds erschienen ist. Die Kulturredaktion führte mit dem Amberger Friedrich Brandl dieses Gespräch.

Der Dichter Bretislav Ditrych ist ein Wanderer im doppelten Sinne: Er ist nicht nur in der Geografie, sondern auch in der Historie unterwegs.

Friedrich Brandl: Ja, es war für mich, wie wenn ich Ditrych begleitet hätte auf seiner Wanderung durch den Böhmerwald, entlang des Flusses Widra, durch die verlassenen Gegenden und die vielen zerstörten Dörfer, Kirchen und Friedhöfe, auf der Suche nach den alten Glashütten, nach den geschändeten Gräbern, nach Todesmärschen und Judenfriedhöfen. Durch die alten Fotos aus dem Atelier Seidel und durch die poetische Erzählung Ditrychs tauchte die historische Böhmerwaldlandschaft vor meinem inneren Auge auf.

Dabei bewegt er sich durch eine geschundene Gegend, im bayerisch-tschechischen Grenzland, dort, wo der Eiserne Vorhang tiefe Wunden schlug ...

Nicht nur der Eiserne Vorhang. Wenn man dieses Langgedicht aufmerksam liest, merkt man, dass hier keine einseitige Schuldzuweisung geschieht. Immer wieder erinnert Ditrych an Schicksale, an Unrecht in der Nazizeit und später an das der Tschechen. Von den tiefen Wunden schreibt er, die Menschen von Menschen zugefügt wurden. Auch wenn immer wieder religiöse Elemente auftauchen, so hat doch der Autor selbst gesagt, dass "das Gedicht nicht religiös zu verstehen" sei.

Er begegnet dort aber auch Menschen und ihren Schicksalen ...

Ich habe Ditrych so verstanden, dass es ihm um ein Erinnern geht, das Ungerechtigkeiten zwar beim Namen nennt, damit man das Leid der Menschen verstehen kann, aber dass es ihm vor allem um das Mitfühlen, um das Versöhnen geht. Dazu wolle er beitragen und weniger eine farbige Idylle und Naturbeschreibung liefern. Er schließt auch mit den Versen "und mit zaghafter Hoffnung / frage ich mich im Innersten selbst / nach der Zukunft".

Dabei dienen dem Dichter Fotografien, seine Erinnerung anzuregen ...

Die Fotos sind beeindruckend. Im Nachwort des Buches schreibt Ales Haman, es sei wie ein "poetischer Dokumentarfilm". Es sind nicht nur die Bilder aus dem Fotoatelier Seidel, sondern es sind auch eigene Fotos Ditrychs dabei. Hinzu kommen aber auch Erzählungen, historische Dokumente, persönliche Erfahrungen und ein genaues Betrachten der Landschaft.

Sie haben die Arbeit ins Deutsche übertragen?

Nein, nein. Die wörtliche Übersetzung bekam ich von Studenten der Universität Pilsen. Anfangs hatte ich auch große Zweifel, ob ich mich an die Aufgabe einer poetischen Übertragung heranwagen sollte. Ich saß tagelang über deutsch-tschechischen Wörterbüchern, beriet mich mit Dr. Václav Maidl in Prag und Dr. Peter Becher, dem Leiter des Adalbert-Stifter-Vereins in München. Auch traf ich mich ein paar Mal mit Ditrych persönlich. Ich versuchte zu verstehen, was er fühlte, dachte, schrieb. Insgesamt hat mich diese Arbeit sehr bewegt. Ich hoffe, dass ich den Grundton des Autors in seinem elegischen Ton und seine Absicht weitgehend getroffen habe.

"Centrum Bavaria Bohemia": Literarische TageDonnerstag, 24, November

Bretislav Ditrych liest um 18 Uhr aus "Bitter duftet Arnika. Der andere Böhmerwald". Begleitet wird er vom Amberger Autor Friedrich Brandl. Moderator ist David Stecher, Direktor des Prager Literaturhauses.

Freitag, 25. November

Drei Autoren präsentieren um 18 Uhr ihre Werke: Der Regensburger Kurzfilmer Oskar Siebert schildert in seinem autobiografischen Roman "Einmal ein Fremder, immer ein Fremder" seine Lebensgeschichte voll von Diskriminierung und politischer Verfolgung. Jakuba Katalpa beschäftigt sich in "Die Deutschen. Geographie eines Verlustes" mit den Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen inmitten von Krieg und Diktatur in Europa. Regina Gottschalk zeichnet im Roman "Auf Nachricht warten mit Briefen aus der Schreckenszeit" die Geschichte der jüdischen Familie Getreuer nach. Der Abend wird von Ondrej Cerný, dem Direktor des Tschechischen Zentrums in München, moderiert.
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