Spitzenklöppeln als Kulturerbe

In der Münchner Residenz nahmen die Bürgermeister Ludwig Prögler und Birgit Höcherl die Urkunden von Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle (Dritter von links) entgegen. Bilder: mmj (2)
Kultur
Schönsee
14.11.2016
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Auf der Bühne des Kaisersaals demonstrierten die Klöpplerinnen des Klöppelkreises Schönsee-Stadlern-Tiefenbach ihr Handwerk.

Spitzenklöppeln war früher Zubrot zum Lebensunterhalt. Inzwischen hat sich dieses filigrane Handwerk zu einer Freizeitgestaltung etabliert. Jetzt steht das Spitzenklöppeln im "Bayerischen Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes!

/München. Herausragende Beispiele für Brauch und Tradition stehen bereits im "Bayerischen Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes". Zehn weitere wurden als schützenswertes Gut neu aufgenommen. Dazu zählt das "Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald". Zusätzlich kamen zwei Bräuche in das "Register guter Praxisbeispiele".

Erhalten und fördern


Seit dem Jahr 2003 stellt die Unesco kulturelle Ausdrucksformen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Überall auf der Welt sollen überliefertes Wissen und Können sowie Alltagskulturen als immaterielles Kulturerbe erhalten und gefördert werden. Vertreter aus Politik, Kunst, Wissenschaft und Medien waren im Kaisersaal der Münchner Residenz dabei, als Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle den Abordnungen der einzelnen Gruppen die Urkunde überreichte. Dr. Spaenle sah in seiner Festansprache bei den neu aufgenommenen Kulturgütern die Fortsetzung von Traditionen und damit deren die Verwurzelung in die Heimat. Die Gesellschaft werde mit den Tugenden zusammengehalten, die für sie wichtig und wertvoll seien. Heimat präge die Menschen. Diese setzen sich für heimische Werte und Traditionen ein und bewahren was für sie wertvoll sei. Im Freistaat sei das Bewusstsein für Heimat besonders groß. Ein Beweis dafür sei auch die Tatsache, dass 21 der 57 Traditionen und Bräuche, die sich für die Eintragung ins Bundesverzeichnis bewerben, aus Bayern kommen.

Moderatorin Traudi Siferlinger, aus Musiksendungen des Bayerischen Fernsehen bekannt, bat die Klöpplerinnen auf die Bühne des Kaisersaales der Münchner Residenz. Die Frauen mit ihrer Sprecherin Frieda Roith hatten mit Klöppelbock und Klöppelsack ihre Ausrüstung dabei und demonstrierten diese filigrane Handarbeit. Dazu wurden fertige Arbeiten, die staunende Blicke auf sich zogen, vorgestellt. Die Bürgermeister Birgit Höcherl, Schönsee, und Ludwig Prögler, Tiefenbach, waren für die Moderatorin Gesprächspartner und betonten die Aktivitäten des Klöppelkreises Schönsee-Stadlern-Tiefenbach. Höcherl und Prögler stellten den Wert dieses Handwerks für die Region heraus.

Besonders wurde aufgrund der Grenznähe die Einbindung des Spitzenklöppeln nach Tschechien erwähnt. Sieglinde Prögler, Schönau, erzählte als ehemalige Schülerin der Klöppelschule vom Erlernen dieses Brauchtums. Mit Stolz und glänzenden Augen verfolgten die Klöpplerinnen die Übergabe der Urkunden an Birgit Höcherl und Ludwig Prögler. Der Staatsminister und die Moderatorin wurden mit einem Geschenk überrascht.

Überraschungsgeschenk


Tiefenbachs Bürgermeister überreichte an Dr. Spaenle eine von den Klöppeldamen mit Klöppelspitzen besetzte Krawatte und an Traudi Siferlinger ein geklöppeltes Collier. Selbstverständlich war, dass er und sein Stadlerner Amtskollege Gerald Reiter, bei dieser Festveranstaltung eine solche getragen haben. Alle folgten anschließend gerne der Einladung zum Empfang des Staatsministers in den Vierschimmelsaal.

Spitzenklöppeln im Oberpfälzer WaldDie Unesco sieht in der Bewahrung des kulturellen Erbes, so Professor Dr. Daniel Drascek, Vorsitzender des Expertengremiums, die Wichtigkeit des Erhalts von Tradition und Werten. Der Lehrstuhlinhaber für "Vergleichende Kulturwissenschaft" an der Universität Regensburg, war über die Vielfalt der eingereichten Vorschläge überrascht. Sein Team hatte bei der Auswahl nach den Vorgaben der Unesco keine leichte Arbeit. In seiner Laudatio zur Auszeichnung für das "Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald" erwähnte Dr. Drascek die um das Jahr 1900 gezielte Gründung der Spitzenklöppelschulen in Schönsee, Stadlern und Tiefenbach. Im Vordergrund stand dabei, den Menschen in den industriefernen Mittelgebirgsregionen des Grenzlandes zu Böhmen eine Erwerbsmöglichkeit zu erschließen. Das Spitzenklöppeln wurde dort zu einer seit dem 19. Jahrhundert ausgeübte handwerkliche Praktik.

Beim Klöppeln handele sich um eine seit dem 16. Jahrhundert belegte textile Technik zur Spitzenerzeugung, die sich als Hausindustrie an vielen Orten etabliert hatte. Diente die handwerkliche Erzeugung von Spitzen über Generationen hinweg früher als Zuerwerb zum Lebensunterhalt, habe sich das Klöppeln mittlerweile zu einer kreativen Freizeitgestaltung etabliert.

Dennoch wird heute immer noch mit Hilfe der gleichen einfachen, teilweise selbst gefertigten Geräte wie vor 100 Jahren geklöppelt. Als Arbeitsvorlagen dienen dabei die sogenannten "Klöppelbriefe". Diese werden sorgsam aufbewahrt und von Hand zu Hand weitergegeben. Das Spektrum der handwerklichen Erzeugnisse reicht von Meterspitzen über Rundspitzen bis zu Spitzendecken. (mmj)
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