Im Europa der offenen Grenzen

Diskussionsrunde "Generation Europa" mit (von links) Ida Petioká, EVS-Freiwillige im CeBB, Buchautor Ralf Pasch, Moderatorin Maika Victor-Ustohal, Sárka Navrátilová und Felix Baumgärtl, beide Vertreter des Deutsch-Tschechischen Jugendforums. Bild: eib
Lokales
Schönsee
07.10.2014
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Ein von allen Seiten gleich aussehendes Europa gibt es nicht, genau so wenig wie sich nicht pauschal von "den Deutschen" und "den Tschechen" reden lässt. Das war ein Fazit der Diskussionsrunde, die den Themenabend "Generation Europa" im Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) abschloss.

Eingerahmt von der Eröffnung der Ausstellung "Farbe auf der Straße" und der Diskussion mit Vertretern der jungen Generation stand die Vorstellung des Buches "Die Erben der Vertreibung" durch den Journalisten Ralf Pasch im Mittelpunkt. Die CeBB-Verantwortlichen freuten sich über die große Gruppe von Schülern der 11. und 12. Jahrgangsstufe des Ortenburg-Gymnasiums Oberviechtach, die mit ihren Lehrern Georg Lang und Ulrich Wohlgemuth am Themenabend teilnahm.

Lebensgeschichten

Buchautor Ralf Pasch hat für sein jüngst erschienenes Buch "Die Erben der Vertreibung" 15 Vertreter der dritten Generation aus Deutschland, Tschechien und Österreich interviewt und portraitiert. Selbst zählt er sich zur Generation der Erben, seine Großeltern nahmen ihn als Kind mit auf Reisen in "die Heimat", wie sie Nordböhmen nannten. Wie bei vielen Vertriebenen hinterließ ihm sein Großvater seine aufgeschriebene und mit Fotos veranschaulichte Lebensgeschichte. Im Buch wollte Pasch herausfinden, worin "das Erbe" besteht und wie die dritte Generation mit der Vergangenheit umgeht. Die Großeltern der portraitierten Personen haben als "Erlebnisgeneration" die Zeit vor 1945 bewusst erlebt. Während sich einige der Befragten noch ständig mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen, beschäftigen sich andere beruflich mit der gemeinsamen Geschichte, engagieren sich in sudentendeutschen Verbänden oder suchen die politische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Interessant war, dass bei allen, die Bezug zur Sudetendeutschen Jugend haben, die jährlichen Zeltlager in Gaisthal zu den prägenden Erlebnissen gehören. Den "Enkeln", der Generation der heute 20 bis 30-Jährigen fällt es leichter, mit der Geschichte umzugehen und ihr nachzuspüren.

Die sich anschließende Runde ging der Frage nach, was sich in den Köpfen und im Handeln der jungen Generation von Deutschen und Tschechen im Europa der offenen Grenzen bewegt. Moderiert von Maika Victor-Ustohal vom CeBB, stellten sich drei in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit engagierte junge Leute der Diskussion. Felix Baumgärtel, 2012/2013 Mitglied des Deutsch-tschechischen Jugendforums, stellte die von ihm und weiteren Jugendlichen in einer Arbeitsgruppe konzipierte Ausstellung "Ich, Europäer?" vor, die im CeBB bis 19. Oktober zu sehen ist.

Unter den Portraitierten sind neun ganz unterschiedliche Personen aus Deutschland und Tschechien, darunter der ehemalige Europa-Abgeordnete und derzeitige Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, der Poetry Slam-Autor Jaromír Konecný, eine deutsche und eine tschechische Lehrerin, Studentinnen und ein Jugendherbergsleiter. Felix Baumgärtl erinnerte an die Interviews: "Die meisten fragten uns: Was meint ihr mit Europa?" Das stimmt, denn Europa kann die EU, aber auch der geografische Kontinent, ein historischer Raum und vieles mehr sein". Sárka Navrátilová, tschechische Sprecherin des Deutsch-Tschechischen Jugendforums: "Ich bin viel unterwegs, habe in Deutschland studiert und im CeBB ein Praktikum gemacht. Die Tatsache, täglich Grenzen zu überschreiten, prägt meine europäische Identität." Auch ich genieße momentan die Möglichkeit, einen Teil Deutschlands mit seinen Menschen und Geschichten kennenzulernen, ergänzt Ida Petioká, die seit Juli 2014 ein Europäisches Freiwilligenjahr im CeBB absolviert.

Eigeninitiativen

Aus dem Publikum ging die Frage an die junge Generation, wie die Tschechen die Deutschen sehen. Man war sich einig, dass es im vereinten Europa am wichtigsten ist, sich persönlich kennenzulernen, konkrete Projekte gemeinsam umzusetzen, die Geschichte nicht auszuklammern, doch sie nicht als Vorwand zu gebrauchen, einen Bogen um den Nachbarn zu machen. "Wir pflegen seit 21 Jahren partnerschaftliche Beziehungen zur Handelsakademie Prag. Es ist ein unbefangenes Verhältnis. Man darf nicht auf die Politiker warten, sondern muss selbst initiativ werden und Brücken bauen", so Studiendirektor Ulrich Wohlgemuth. Kultur verbindet Menschen und überschreitet Grenzen, bestätigte Kveta Monhartová von der Union der bildenden Künstler Pilsen.
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