Unzensiertes über den Äther

Lokales
Schönsee
25.10.2014
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Sie schickten das frei gesprochene Wort über den Eisernen Vorhang. Ein Vierteljahrhundert nach der Grenzöffnung erzählten ehemalige Mitarbeiter des Senders "Radio Free Europe" in Schönsee von ihrer ungewöhnlichen journalistischen Arbeit.

Im Zuhörerraum des "Centrum Bavaria Bohemia" in Schönsee befanden sich viele junge Leute. Sie waren noch nicht geboren, als die Ostblockstaaten in Europa von Verbrechern regiert, Meinungen rüde zensiert und menschliche Informationsbedürfnisse starrköpfig ignoriert wurden. Im Westen aber gab es Sender wie "Radio Free Europe", die unzensierte Nachrichten über den Äther schickten. In vielen Sprachen. Auch in Tschechisch.

Auf dem Podium saßen der ehemalige stellvertretende Direktor von "Radio Free Europe", Martin Bachstein, und neben ihm die für den gleichen Sender 16 Jahre lang arbeitende Ludmila Rakusanovà. Zwei Zeitzeugen, zu denen sich mit Dr. Prokop Tomek ein tschechischer Wissenschaftler gesellte, der seine Dissertation über "Radio Free Europe" geschrieben hatte. Von München aus wurde während der Jahre des Kalten Krieges hinüber in die Tschechoslowakei gesendet. Doch oft kam das nur fragmentartig an. Denn die Kommunisten versuchten, diesen Informationsfluss mit allen technischen Mitteln zu unterbinden. Diese "Störfeuer", die das frei gesprochene Wort überdeckten, bestimmten einen erheblichen Teil des Diskussionsabends. Vieles, was damals geschah, wurde angesprochen. Manches blieb aber auf der Strecke. Zum Beispiel: Wie lief so ein Redaktionsalltag ab? Welche Musik wurde gespielt? Beatles oder Brahms? Was verdienten die 82 Leute, denen die Aufgabe zukam, das Programm für die Tschechoslowakei zu machen? Gleichwohl: Nach Worten des über Jahrzehnte hinweg für "Radio Free Europe" arbeitenden Martin Bachstein kamen die finanzierenden Gelder aus Mitteln des US-Geheimdienstes CIA. Der aber, so versicherte der 77-Jährige, habe sich nie in die Programmgestaltung eingemischt.

Spionage kein Problem

Die Leute zwischen Pilsen und Brünn hingen an den Rundfunkgeräten, wenn "Radio Free Europe" ihnen mitteilte, was in ihrem Heimatland tatsächlich geschah. Wo kamen die Informationen her? "Wir hatten Quellen", berichtete die heute in Niederbayern lebende Ludmila Rakusanová. Sie seien nach guter journalistischer Tugend auf ihren Wahrheitsgehalt hin "abgeklopft" und erst dann verbreitet worden. Gab es Spione im Sender? "Das", antwortete Martin Bachstein, "war kein wirkliches Problem für uns."

Das neudeutsche Wort "Feedback" spielte beim Sender erst in den 1980-er Jahren eine Rolle. Zuvor waren Reaktionen der Hörer unmöglich. Nach und nach aber trafen Briefe ein. Von Leuten etwa, die darum baten, man möge doch Sendungen wiederholen. Warum? Die Störgeräusche hatten wieder einmal alles überlagert.

Die Prager Journalistin Bára Procházková moderierte den Abend. Sie gab sich redlich Mühe. Doch wäre es wohl ungleich besser gewesen, jemanden zu nehmen, der diese Zeit damals bewusst miterlebte. 25 Jahre sind seit der Grenzöffnung vergangen. "Hoffentlich brauchen wir nie wieder solch einen Radiosender", hieß die Schlussbotschaft. Wohl wahr. Doch wenn junge Menschen, die eigentlich interessiert zuhören sollten bei dem, was die Machthaber im Osten einst an Knechtschaft ausübten, nach der fünften Erörterung der seinerzeit ununterbrochen laufenden "Störsender" ihr I-Phone zücken, um Kommunikation zu betreiben, dann muss etwas falsch laufen. Schade. So war dieser Abend irgendwie auch eine vertane Chance.

Im "Centrum Bavaria Bohemia" sind gleichzeitig mit der Podiumsdiskussion zwei Bildausstellungen eröffnet worden. Sie befassen sich mit der Arbeit des Senders "Radio Free Europe" und zeigen Fotos des aus Bad Kötzting stammenden Haymo Richter. Er hatte die Zeit unmittelbar nach der Wende in seinem Heimatraum mit der Kamera dokumentiert.
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