Wo Grenzgeschichte für Gänsehaut sorgt

"Pascher - die Nacht der langen Schatten" lässt den Atem stocken: Die Pascher (Schmuggler) sind ertappt. Wer den Drahtzieher nicht nennt, wandert ins Zuchthaus. Bild: Götz
Lokales
Schönsee
10.08.2015
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Kann Geschichte auch nach 70 Jahren noch so nahe rücken, dass sie Gänsehaut verursacht und den Atem stocken lässt? Die Antwort darauf gibt das Freilichtspiel "Pascher - die Nacht der langen Schatten". Auf der Naturbühne am Eulenberg, wenige Schritte vom ehemaligen Schlagbaum entfernt, werden Grenzschicksale lebendig.

1945 hat es angefangen. 20 Jahre alt ist Franz Langmeister, als seine Familie mit zehn weiteren von den Tschechen aus Wenzelsdorf vertrieben wird. In Sichtweite auf der bayerischen Seite der Grenze, auf der Bügellohe, wo die Bauern Grundstücke haben, wird notdürftig eine Behausung aufgebaut. "Wir haben alles dahinter lassen müssen und dauernd gehofft und gebetet, dass wir bald wieder zurückkönnen. Denn es kann doch nicht rechtens sein, dass einem sein Eigentum genommen wird": Ludwig Zwick führt in der Rolle des Franz Langmeister dem Publikum die schmerzlichen Umstände seines Grenzschicksals vor Augen.

Hoffnung stirbt zuletzt

Doch diese Hoffnung wird jäh zerstört, als Wenzelsdorf - nur wenige Kilometer von der Naturbühne entfernt hat es tatsächlich existiert - niedergebrannt wird. "Drei Tage lang ist der Rauch von unseren Höfen und unseren Häusern zu uns herauf gezogen und da haben wir gewusst, dass es kein Zurück mehr gibt": Wenn Franz Langmeister von der Vertreibung und dem Verlust seiner Heimat erzählt, könnte man im Publikum eine Stecknadel fallen hören, riecht man förmlich den Rauch und ist selber schmerzlich berührt. "Weglos, ausweglos" sei die Situation gewesen und die Zuschauer können nachvollziehen, dass der alte Mann "nicht mehr dort graben will, wo endlich Gras darüber gewachsen ist". "Die alten Sachen soll man endlich in Ruhe lassen", macht er der jungen Lucie aus Tschechien und ihrem Freund Mike klar, die ihre Familiengeschichte ausgraben will. Sie will mehr über das Schicksal ihrer Großmutter Wanka wissen, um die in der Familie immer eine "Geheimniskrämerei" gemacht wird.

In Friedrichshäng an der Grenze zu Tschechien bei Schönsee (Landkreis Schwandorf) fand am Freitag das Festspiel Pascher - "Die lange Nacht der Schatten" statt. (Bilder: Gerhard Götz)


Meisterlich verpackt in eine Zeitreise von der Gegenwart in die 1920er Jahre zurück hat Autor Martin Winklbauer dieses authentische Stück Heimatgeschichte den über hundert Laienschauspielern auf den Leib geschrieben.

Karges Leben

Es ist ein karges Leben unmittelbar an der Grenze, wo das Paschen (Schmuggeln) beinahe zum Lebensunterhalt gehörte. Bei dieser Gelegenheit verliebt sich Adam aus Bayern in Wanka aus Tschechien, die als Baldowerin (Kundschafterin) einen großangelegten Viehschmuggel vorbereitet hat. Doch die Liebesgeschichte findet ein jähes Ende, als die Schmuggler von den Grenzern ertappt werden. Einer nach dem anderen verrät Wanka als Drahtzieherin und am Ende auch Adam, um den Zuchthaus zu entgehen. Zu diesem Zeitpunkt weiß er allerdings nicht, dass Wanka ein Kind von ihm erwartet - Franz Langmeister.

34 Aufführungen

Und dieser muss schließlich bekennen, dass er selber ein halber Tscheche ist und die Tschechen doch so sehr dafür hasst, dass sie seine Familie aus dem Heimatdorf Wenzelsdorf vertrieben haben. "Vor seiner eigenen Vergangenheit kann man sich nicht verstecken", gibt Franz Langmeister am Ende zu. Sie in diesem Freilichtspiel in mittlerweile 34 Aufführungen versöhnlich aufzuarbeiten ist weit mehr wert als theoretischer Geschichtsunterricht!
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