Vor 30 Jahren: Wackersdorf sollte Standort für WAA sein - Hunderttausende protestierten
Marterl für den Widerstand

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Schwandorf
04.02.2015
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Die Entscheidung fiel heute vor 30 Jahren. In Hannover tagte das Vorstandsgremium der "Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK). Unter Führung von Günther H. Scheuten wurde beschlossen, im Taxöldener Forst bei Wackersdorf für geschätzte fünf Milliarden Mark eine atomare WAA zu bauen. An die Auseinandersetzungen erinnert das "Franziskus-Marterl", an dem jährlich Gedenkgottesdienste stattfinden.

Zum Schluss waren zwei Standorte in der Wahl geblieben: Dragahn in Niedersachsen und Wackersdorf. Die DWK votierte für letzteren und löste damit an diesem 4. Februar 1985 sowohl Freude als auch tiefen Frust aus. CSU-Politiker jubelten mit dem damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Die Gegner des gigantischen Atomprojekts erstarrten zunächst und kündigten noch am gleichen Abend an: "Der Kampf hat nun begonnen." Das geschah vor 2000 Menschen in Schwandorf. Bis zur endgültigen Standortentscheidung für Wackersdorf waren über fünf Jahre vergangen.

Während dieser Zeit hatte sich im Raum Schwandorf eine Bürgerinitiative gebildet, die später zur tragenden Säule des Widerstands werden sollte. Ihr schloss sich auch der heute 84-jährige Schwandorfer Landrat Hans Schuierer (SPD) an. Er setzte sich nicht lange darauf an die Spitze der Anti-WAA-Bewegung und wurde dadurch in ganz Europa bekannt. Im Herbst 1985 wurde die erste Teilerrichtungs-Genehmigung für die Wiederaufarbeitungsanlage an den Betreiber geschickt. Nachdem sich Schuierer und sein damaliger Stellvertreter Dietmar Zierer (SPD) standhaft geweigert hatten, das Papier zu unterzeichnen, machte Bayerns Innenminister Karl Hillermeier (CSU) erstmals von dem eigens für diesen Fall geschaffenen "Selbsteintrittsrecht des Staates" Gebrauch. Das goss weiteres Öl ins Feuer.

Strauß: WAA ungefährlich

Diskussionen löste auch eine Äußerung von Franz Josef Strauß aus. Die WAA, so ließ er damals wissen, sei "nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik." Das wurde ihm vorgehalten, als am 16. Februar 1985 eine erste Großdemonstration der Kernkraftgegner stattfand. Auf dem Schwandorfer Marktplatz ergriff dabei auch der spätere Bundesinnenminister Otto Schily (erst Grüne, dann SPD) das Wort. Weitere Anti-WAA-Veranstaltungen, an denen bis zu 100 000 Menschen teilnahmen, sollten folgen. Die stürmischen Zeiten endeten erst 1989. Nach dem Tod von Franz Josef Strauß kam das Ende für den WAA-Bau. Unmittelbar danach wurde der Taxöldener Forst zu einem Industriepark, der heute mehrere tausend Arbeitsplätze bietet.
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