Bernhard M. Baron schreibt im „Literaturportal Bayern“
Literatur-Universum Schwandorf

Die Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin Dr. Anja Utler (42) stammt aus Schwandorf. Bild: hfz
Kultur
Schwandorf
23.01.2016
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Der 2014 verstorbene NT-Journalist Peter Klewitz war 30 Jahre lang in der Theaterlandschaft zu Hause. Er schrieb drei historische Festspiele für Orte in Ostbayern. Bild: hfz

Ist Schwandorf ein Ort in der Literatur-Geografie? Selbstverständlich, versichert der versierte Kenner Bernhard M. Baron. Der frühere Weidener Kulturamtsleiter hat nicht nur eigene Publikationen zu diesem Thema herausgebracht, sondern auch das "Literaturportal Bayern" im Internet mit Informationen bestückt. Der Raum Schwandorf ist ihm dabei einen langen Aufsatz wert.

Das "Literaturportal Bayern" ist ein Projekt der Bayerischen Staatsbibliothek und der Münchner Stadtbibliothek. Wie Baron erläutert, repräsentiert das "Literaturportal" das Literaturland Bayern seit 2012 online. An die 80 Autorenporträts hat Bernhard M. Baron dafür recherchiert und geschrieben, dazu drei große Städteporträts (Schwandorf, Cham und Neustadt), und er hat drei große Themen bearbeitet: "Dichter reisen durch die Oberpfalz", "Die Weidener Eisenbahn in der Literatur", sowie "Herz aus Glas - Eine LiteraTour entlang der Glasstraße".

Darüber hinaus wurden von Baron drei literarische Orte beschrieben (Waldsassen: Klostergasthof für Nietzsche und von Doderer. Weiden: Eichendorff-Gedenkstein; sowie Erbendorf: Wohnhaus der Schiller-Vorfahren). Einen Blog hat er ebenfalls verfasst. Darin geht es um den "Brückenbauer" Jiri Grusa: Dichter, Humanist, Botschafter und Internationaler PEN-Präsident.

"Mehr als ein Burschendorf" ist der Aufsatz überschrieben, in dem sich Baron der Stadt und dem Raum Schwandorf nähert. Der Titel bezieht sich auf den alten slawischen Namen der Ortschaft, Suainicondorf, der wohl mit Burschendorf zu übersetzen ist. Für 1545 nennt Baron den Theologen Veit Nuber , einen Prediger in Schwandorf, als ersten literarischen Namen in seiner Liste. Um 1618/20 wird in Neunburg vorm Wald der "Poeta laureatus" Georg Greflinger geboren, der neben volkstümlichen, derb-munteren Texten von echtem Gefühl beseelte Lieder schreibt. Im gleichen Jahr bereist auch Johannes Bisselius von Regensburg aus das Regen- und das Naabtal. In seiner lateinischen Satire Icaria übersetzt er Schwandorf mit lateinisch "Cycnosconum" (Schwan = Cycnus).

In der Mitte des 18. Jahrhunderts schreibt der Ensdorfer Benediktiner Odilo Schreger in seinem Auszug der merckwürdigsten Sachen über die Naab von der Naab, an deren Ufern er aufgewachsen ist, als einer der "vornehmsten Flüsse" Deutschlands. Goethe beehrte die Stadt auch (4. September 1786), allerdings nur sehr kurz und auf der Durchreise.

Fast den Krieg verpasst


Während des Ersten Weltkrieges auf dem Weg an die Ostfront verlässt der Schriftsteller Oskar Maria Graf in Schwandorf seinen Truppentransport, weil er den "Abort" aufsuchen muss. Nach seinem menschlichen Bedürfnis ist der Zug ohne ihn abgefahren, den er aber verspätet in Marktredwitz dann noch erreicht.

Ein echtes "Naabgewächs" ist dagegen Eugen Oker , der 1919 als Fritz Gebhardt in Schwandorf geboren wird. Der ZEIT-"Spiele-Kritiker" gilt als Pionier der Oberpfälzer Mundart.

Im Herbst 1944 kommt die junge Sandra Paretti mit ihrer Mutter und ihrem Bruder auf ihrer Fahrt von Regensburg zu den Großeltern nach Weiden. In Schwandorf steigt sie aus, da der Zug für einen Militärtransport gebraucht wird. Stunden vergehen bis der Ersatzzug erscheint (Das Echo Deiner Stimme, 1980).

Als oberschlesisches Flüchtlingskind wird am 26. Juli 1945 im nahen Schloss Fronberg bei Schwandorf Joseph von Westphalen geboren, der hier seine Kindheit und Jugend verlebt, bevor er später nach München zieht. Jahre später schreibt er in der Süddeutschen Zeitung den ironischen Artikel "Naabtal-Solo" über einen Besuch in seiner ungeliebten Heimatstadt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erscheint "Der rote Löwe", ein Bestsellerroman der phantastisch-esoterischen Literatur der ungarischen Autorin Mària Szepes , der seinen Auftakt in Schwandorf nimmt: "Ich wurde 1535 in Schwandorf geboren," erzählt der Zauberlehrling Hans Burgner, der hinaus in die Welt will und über Amberg und Nürnberg durch ganz Europa reist.

1979 erscheint Carl Amerys "An den Feuern der Leyermark". Der im Roman vorkommende Ort Neumünz kann als "Schwandorf" entschlüsselt werden. Aus der Stadt Nabburg stammt wiederum Maria Schwägerl , Verfasserin von Lyrik und Prosa in Oberpfälzer Mundart. 1922 wird in Wernberg der Lyriker und Pädagoge Hans Raithel geboren

"Der letzte Sagenerzähler der Oberpfalz" (Passauer Neue Presse) ist zweifelsohne Franz Joseph Vohburger (*1942), der, seit 1966 am Landratsamt Schwandorf beschäftigt, als kostümierter "Burgkastellan" zahlreiche Sagenwanderungen gestaltet und auch als Mundartautor in Erscheinung tritt. Kurt F. Stangl aus Pfreimd hat sich mit Gedichten einen Namen in der Region gemacht.

Peter Klewitz schreibt für Neunburg vorm Wald das Festspiel "Vom Hussenkrieg", für Pfreimd das Theaterstück "Gefangen in Trausnitz" und inszeniert im Sommer 2012 in Schwandorf den Agatha-Christi-Krimi "Ein unerwarteter Gast".

Eine gewisse "Iris"


Max Bronski verewigt in seinem Roman "Sister Sox" (2006) eine gewisse "Iris": "Ich war in den achtziger Jahren aus Schwandorf nach München gekommen". Wolfsmehl wächst auf Schloss Fronberg auf, Anja Utler wird 1973 in Schwandorf geboren, aus Nittenau stammt Heribert Prantl (*1953), Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, Jurist und Autor. Einen Oberpfälzer als Protagonisten führt der Münchner Schriftsteller Matthias Politycki in sein beißendes Sittengemälde "In 180 Tagen um die Welt" (2008) ein: Der Held Johann Gottlieb Fichtl ist Finanzbeamter und kommt aus Oberviechtach. (Blickpunkt)

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Weitere Informationen im Internet:

www.literaturportal-bayern.de/

Anja Utler , geboren 1973 in Schwandorf, promovierte 2003 an der Universität Regensburg mit einer Arbeit über Dichterinnen der russischen Moderne. 1999 erschien ihr erster Gedichtband "aufsagen". 2003 erfolgte die Verleihung des Leonce-und-Lena-Preises, der wichtigsten Auszeichnung für junge Lyrik im deutschsprachigen Raum, für ihre als "Sprachspiele gesteigerter Weltwahrnehmung" gekürten Gedichte, die im Band "münden - entzüngeln" (Wien, 2004) erschienen. In der Folge erschienen das Lyrikhörbuch "brinnen" (2006) und der gleichnamige Gedichtband, der inzwischen ins Schwedische übersetzt wurde. 2009 erschien "jana, vermacht", 2011 ihr erster Prosaband "ausgeübt. Eine Kurskorrektur". 2007 sendete der ORF in der Reihe "Literatur als Radiokunst" ihr Hörstück "suchrufen, taub", das mit dem Förderpreis zum Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnet wurde.

Der Nabburger Franz Grundler ist der Autor und Regisseur des brisanten Theaterstücks "Feuermond" (1995), das jahrelang in Nabburg im Theatergarten des Freilichtspiels aufgeführt wurde. Nach seinem Erstlingswerk "Sternwurz" (1993) entstand dieses fiktive, aber spannende Hussiten-Projekt, in dem Nabburger Bürger durch die Kriegszüge des Velek von Bresnice 1426 verunsichert werden. "Ach, Hus" lautet das achte Theaterstück aus seiner Feder.

Christian Huber (*1984) wächst im Schwandorfer Stadtteil Klardorf auf. Nach Abitur und Studium zieht es ihn 2010 nach Berlin, wo er als Komponist und Autor tätig ist. Im Medium Twitter wird er unter dem Pseudonym "Christian Pokerbeats" zu einer bekannten Figur. Sein Erstling "Fruchtfliegendompteur. Geschichten aus dem Leben und andere Irritationen" (2015) erzählt auf amüsante Weise Geschichten aus dem Alltag in der Bundeshauptstadt.

Astrid Rosenfelds (*1977 in Köln) Roman "Elsa ungeheuer" (2014) spielt überwiegend in der Oberpfalz, speziell im Landkreis Schwandorf, exakt in der reizvollen touristischen Gegend um Neunburg vorm Wald,.
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