Driem, drent, ent oder driwan
Der Heimatort macht den Unterschied

Muschenried zeichnet sich beim Dialekt durch ein Alleinstellungsmerkmal aus. Die Bewohner sagen Hä statt Heu. Muschenried ist ein Ortsteil des Marktes Winklarn. Bild: akp
Kultur
Schwandorf
02.01.2016
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Schwandorf. (slu) Ein spezifisches Merkmal von Dialekten allgemein ist ihre Kleinräumigkeit: Teilweise innerhalb weniger Kilometer ändern sich mundartliche Ausprägungen bisweilen zum Teil erheblich, was sich jeweils in deutlich identifizierbaren, lokalen Eigenheiten niederschlägt. Zurückzuführen ist dieses Phänomen in unserer Gegend in der Regel auf die politisch-administrativen Verhältnisse in früheren Zeiten, so etwa die Territorien der wittelsbachischen Pflegämter ab dem 13. Jahrhundert. Gleiches gilt in einem räumlich noch weitaus begrenzteren Rahmen für Pfarreien.

Durch ihre mangelnde Mobilität aufgrund des Fehlens entsprechender Verkehrsmittel waren die Menschen jener Zeit in ihrem Bewegungs- und Handlungsspielraum sehr stark eingeschränkt und weitgehend auf ihr unmittelbares Lebens- und Wohnumfeld fokussiert. Dies führte zur Entstehung dialektaler Charakteristika, die eben nur in dem jeweiligen Bereich, das heißt einer bestimmten Ortsgemeinschaft, beheimatet waren und sich zum Teil bis in die heutige Zeit erhalten haben.

Ein sehr aussagekräftiges Beispiel für einen solchen Ort ist Muschenried in der Gemeinde Winklarn. Die Mundart dieses Dorfes ist von einem Lautstand gekennzeichnet, der es von seiner Umgebung deutlich abhebt. So wird etwa für die standarddeutschen Zwielaute "ei" und "eu" im Muschenrieder Dialekt "ä" verwendet, also drä statt drei und Hä statt Heu.

Das Verfahren, anhand ausgewählter Wörter Dialektunterschiede zu veranschaulichen, wird in der Dialektologie vor allem bei Sprachatlaserhebungen angewandt, so zum Beispiel beim Sprachatlas von Nordostbayern, dessen Untersuchungsgebiet hauptsächlich die Regierungsbezirke Oberpfalz und Oberfranken umfasst.

Ein Wort, das sich sehr gut für die Darstellung kleinräumiger Dialektunterschiede eignet, ist das Lokaladverb "drüben". Während man zum Beispiel in Oberviechtach dafür driem sagt, lautet die Entsprechung in dem sieben Kilometer entfernten Dieterskirchen drent. Noch weiter südlich taucht daneben auch ent oder entn, echert und drechert auf, so etwa in dem Gebiet von Tiefenbach-Treffelstein. In nördlicher Richtung, im Bereich Eslarn-Moosbach, dagegen hört man driwan. Weitere Varianten in der mittleren und östlichen Oberpfalz sind dream, dreaman, dreamert und driwert . Das Lokaladverb drüben ist somit nicht nur ein Beleg für die sich innerhalb weniger Kilometer ändernden Dialektvarianten, sondern gibt zugleich Zeugnis vom Übergang zwischen dem Nordbairischen und dem Nordmittelbairischen im Verbreitungsgebiet des "Neuen Tag".

Mit solchen "Kennwörtern" in Verbindung mit weiteren typischen Lauten lässt sich die Herkunft eines Sprechers dialekt-geographisch ziemlich genau einordnen, und dies ist einer der Aspekte, die den Reiz der Mundart ausmachen. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass im Zusammenhang mit dem Wert lokaler oder regionaler Sprechweisen stets von Heimatverbundenheit und Identitätsstiftung die Rede ist. Umso wichtiger ist es in einer globalisierten Welt mit ihren Nivellierungstendenzen, die örtlichen Charakteristika, zu denen in erster Linie auch der Dialekt zählt, im Sinne einer positiven Pluralität so lange wie möglich am Leben zu erhalten.

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/dialekt
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