Klangkaskaden für starke Nerven

Vor 17 Jahren gründete der schwedische Saxofonist Mats Gustafsson (rechts) die Gruppe "The Thing". Ihre Musik lässt sich nicht in Schubladen pressen, wurzelt aber im Freejazz der 1970er Jahre. Bild: lr
Kultur
Schwandorf
08.10.2016
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Ein Mann, ganz allein mit seinem Baritonsaxofon, steht auf der Bühne. Luftströme und Klappengeräusche, dann durchdringt ein schriller Ton die Stille. Es folgt ein ganzes Arsenal von Klängen, die man diesem behäbigen Instrument gar nicht zutraut. Mats Gustafsson & The Thing beweisen bei "Jazz in der Villa", was musikalisch in ihnen steckt.

Flatterzunge, Zirkularatmung, Überblaseffekte, Schläge auf den Schalltrichter, der ganze Körper und die Raumakustik fließen in das Geschehen im Oberpfälzer Künstlerhaus ein. Mats Gustafsson widmet die einzelnen "Kompositionen" berühmten Vorreitern wie Bengt Nordström, Helmut Brandt, Manfred Schulze oder Warne Marsh, engere Beziehungen zu diesen sind aber nicht feststellbar. Es entsteht ein Klanggemälde aus Stimmungen, Klangfarben, Geräuschen, wobei auch das optische Erleben einen wichtigen Faktor ausmacht: Ein Mensch entlockt dem Musikinstrument Klänge, für die es eigentlich nicht entwickelt wurde.

Urgewaltiger Bariton


Gegen die Urgewalt des Baritons wirkt das Tenor fast leichtfüßig beschwingt. Melodiefetzen und abgehackte Phrasen prägen eine Komposition, die dem amerikanischen Saxofonisten Warne Marsh gewidmet ist. Mit seinem letzten Stück erinnert Mats Gustafsson an die britische Frauengruppe FIG (Feminist Improvising Group) der 70er Jahre. Hier kommen vor allem perkussive Elemente zum Einsatz, der Holzfußboden erweitert das Klangspektrum. Am Ende seines Soloauftritts zeugen etliche kaputte Rohrblätter am Boden von Gustafssons totaler Spielweise. Im zweiten Teil des Abends geht es ans Eingemachte. Nachdem Paal Nilssen-Love seine Becken und Trommeln aufgebaut hat, folgt eine "Tour de Force" sondergleichen. Wie ein Klanggewitter schlägt die Urgewalt von Schlagzeug, Bass und Saxofon in die Ohren.

Wie in den Kindertagen des Freejazz, als in den 70er Jahren Musiker wie Peter Brötzmann, Han Bennink oder Alex Schlippenbach das Jazz-Publikum verschreckten, prasseln die Klänge nieder. Man glaubt sich auf einer Zeitreise im legendären Berliner Jazzclub "Quartier Latin", wo parallel zu den Berliner Jazztagen das "Total Music Meeting" stattfand. Ingebrigt Håker Flaten wechselt zwischen Kontrabass und Elektrobass. Am Kontrabass erinnert seine Spielweise an Alan Silva, Peter Kowald, oder Buschi Niebergall. Mit dem E-Bass erzeugen Verzerrer und Übersteuerung sowie diverse elektronische Soundgeräte Effekte, die an Jimi Hendrix oder so manche Hardrock Band erinnern. Wozu Ornette Coleman mit seiner Gruppe "Primetime" zwei Gitarristen, einen Bassisten und zwei Schlagzeuger brauchte, das schaffen Bass und Schlagzeug im Alleingang. Und über allem dominiert Gustafssons brachiale Urgewalt am Bariton. Er kommt ganz ohne Verstärkung aus, und kann sich auch im dichten Klangteppich durchsetzen.

Afrikanische Rhythmen


Als Schlussstück gibt es eine "Freie Improvisation", die durch offene und luftige Gestaltung überzeugt. Da gibt es zarte Beckenklänge und sogar die Besen werden eingesetzt, da gibt es einen gemütlich dahin blubbernden Bass und elegische Melodielinien auf dem Bariton. Der Klang verdichtet sich, Paukenschläge kündigen einen Wechsel zu afrikanisch gefärbten Rhythmen an, das Saxofon improvisiert im Sinne von Archie Shepp, Pharoah Sanders oder John Coltrane. Als Zugabe ein kurzes Thema von Don Cherry, die "Altjazzer" sind versöhnt und applaudieren begeistert.
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