Lesung mit Harald Grill
Reise in ein nahes, fremdes Europa

Der Autor Harald Grill (links) und Multiinstrumentalist Mike Reisinger (rechts) nehmen die Gäste im Oberpfälzer Künstlerhaus mit auf eine Reise nach Osteuropa, durch den Balkan bis Odessa. Grill liest aus dem Manuskript seines bald erscheinenden Buches "Hinter drei Sonnenaufgängen". Bild: sus
Kultur
Schwandorf
03.06.2016
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Harald Grill hat sie erkundet, die Schluchten des Balkans. Auf seine ganz eigene Art, nahe an den Menschen in Bulgarien, Rumänien und der Ukraine. Seine Geschichten hat der Autor im Oberpfälzer Künstlerhaus erzählt und Mike Reisinger die musikalischen Bilder dazu in Klänge gepackt.

Es ist gut, dass Grill seinen Vorsatz bricht. "Wenn ich ins erzählen komme, bin ich eine Gefahr für die Menschheit", sagt er vor rund 50 Gästen am Dienstag im Künstlerhaus, deshalb wolle er sich ans Manuskript für sein Buch halten. Aber natürlich lässt Grill seine Kladde links liegen und erzählt - fesselnd, begeistert und begeisternd. Der Multiinstrumentalist Mike Reisinger malt akustische Bilder dazu, mit Improvisationen zwischen Bach-Anleihen und orientalischen Klängen. "Hinter drei Sonnenaufgängen" wird das Buch Grills über seine Reise heißen.

Er packt seine Sachen, steigt in sein betagtes Auto - zweifelnd, ob es fit genug ist für 7000 Kilometer - und bricht auf an die Donau, die ihn über weite Strecken begleiten wird. "Durch einen Tunnel aus Hitze" erreicht er Ungarn, überrascht über die flache Weite der Tiefebene, durchzogen von "gelb leuchtenden Streifen der Maisfelder und schwarzer Erde", kommt ins Grenzgebiet nach Rumänien, "wo alle Flüsse und Gegenden mindestens fünf Namen haben".

Niemand da


Ungarisch, Rumänisch, Deutsch, Serbisch, Kroatisch: Mittendrin im Völkergemisch entfalten sich die Geschichten, die Grill erlebt. Debrezin ("Kennen wir nur von de Würscht") liegt auf der Strecke. "Das Flugzeug beraubt dich des Weges", sagt Grill, sonst oft als Wanderer unterwegs, an Flüssen entlang, die ihm Route sind und Orientierungspunkte.

Unterwegs das ein oder andere "Drecksnest", mit verfallenden Gebäuden ("Welch' traurige Augen Häuser haben können"), vorbei an Pferdegespannen, geht es Richtung Temeschwar, weiter ans Eiserne Tor. Reisingers Bassklarinette lässt die Gegend spüren. "Ich will nah' bei den Menschen sein. Hob aber koan gseng", bringt Grill die Trostlosigkeit verlassener Dörfer auf den Punkt, die Menschen längst weggezogen, der Arbeit nach, gen Westen. Das Navi zeigt nur noch grüne Wiesen, mit Karten und Fragen geht's weiter.

Orsova, Vidin, Bechet heißen die Stationen auf dem Weg nach Sofia in Bulgarien, dann zurück Richtung Norden bis Klausenburg. Grill trifft Donauschwaben, Nachkommen jener Menschen, die mit Ulmer Schachteln über den Fluss kamen und ihr Glück hier suchten. Die deutschen Rumänen haben ebenso das Recht auf eigene, deutschsprachige Schulen für ihre Kinder wie viele anderen Minderheiten. Sie lernen ihre Muttersprache und Rumänisch. Eine integrative Idee, die Grill begeistert

Gegensätze


Gleichzeitig irritiert ihn der pathetische Nationalstolz, der die Sowjets verdammt, die Russen als einstige Befreier von den Osmanen schätzt und die europäische Idee in sich aufgenommen hat. Die Minderheiten leben Tür an Tür, ohne größere Konflikte. Beschönigung ist Grills Sache nicht, er erzählt von bettelarmen Leuten, von Eltern, die ihre Kinder im Dorf zurücklassen, um im Westen zu arbeiten, nur ein paar Mal im Jahr nach Hause kommen.

Neue Blickwinkel


Karpatenbogen, Balkangebirge, die Donau und ihre Nebenflüsse bis zum Delta: So unterschiedlich die Landschaften, so verschieden sind die Menschen, die er trifft, die ihn einladen, ihm weiterhelfen. Bettelarme oder sehr reiche Roma, mal halbseidene Händler, mal Pfarrer: Sie alle haben ihm ein Stück dieser Welt erklärt, auf seinem Weg über holprige Straßen ("Schlaglöcher wie Badewannen"), auf Fähren, in Zügen und Bussen.

Eine Welt, die nicht nur Grill lange Jahre verschlossen war, heute vor der Haustüre liegt, drei Sonnenaufgänge entfernt. Drei Monate war Grill unterwegs. Knapp drei Stunden erzählt er und liest, auch von seiner Ankunft in Odessa, von der Angst der Menschen im vom Krieg geplagten Land. Spannender kann eine musikalische Lesung kaum sein.

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Harald Grills Buch "Hinter drei Sonnenaufgängen" (ca. 224 Seiten) erscheint Anfang Juli im Verlag Sankt Michaelsbund und kostet 16,90 Euro.
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