Stressiger Stress-Abbau

Pianist Kurt Seibert zeigte beim anspruchsvollen Beethoven-Programm vollen Einsatz. Für eine Zugabe war er zu erschöpft. Bild: Tietz
Kultur
Schwandorf
24.03.2015
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Mit Beethoven und Schubert stehen zwei bedeutende Komponisten im Mittelpunkt des Schwandorfer Klavierfrühlings. Was sie verbindet, was sie trennt, versucht Kurt Seibert herauszustellen. Zum Auftakt arbeitet er sich an Beethoven ab.

Zwei Klaviersonaten stehen im Programm, die den letzten Schaffensprozess für dieses Instrument mitprägten. "Stilistisch und vom Umfang her sind diese Werke gegenüber früheren Sonaten entscheidend weiterentwickelt", sagt Gestalter Kurt Seibert in seinen einführenden Worten. Er weist auf das Bild hinter seinem Klavierhocker hin, da das Konzert dem verstorbenen Weidener Künstler Karl Aichinger gewidmet ist. Am Flügel trägt Seibert die 31. Klaviersonate "As-Dur op 110" von Ludwig van Beethoven vor. Schon den Beginn gestaltet der Pianist als die Bekenntnismusik, als die sich diese Sonate erweist. Sie ist niemandem gewidmet, dokumentiert musikalisch das Lebensgefühl des Komponisten bei ihrer Entstehung.

Unruhige Zeiten

Das Jahr 1821 war für ihn ein Jahr körperlicher Leiden und materieller Sorgen, was die Musik ausdrückt. Den 1. Satz prägt ein Thema von ruhigem und träumerischem Charakter, das Seibert mit großen Klängen vorführt. Die Unruhe beginnt im hetzend gespielten Scherzo, das mit donnernden Akkorden wie Schicksalsschlägen mit gleichlangen Pausen unruhige Zeiten ankündigt. Die kommen im 3. Satz und sind nachvollziehbar dargestellt. Das "Adagio" mündet in einen "klagenden Gesang" (Worte über den Noten).

Es folgt eine Fuge, die sich gegen drohende Resignation zur Wehr setzt. Dennoch, das nächste "Arioso" ist überschrieben mit "ermattet klagend". Es folgt die Fuge, jetzt aber in Umkehrung des Themas und versehen mit "nach und nach wieder auflebend". Dementsprechend verlieren Leiden und Sorgen körperlich und mental viel Schrecken. Die Entwicklung stellt Seibert überzeugend dar. Wem das zu spekulativ erscheint, der erinnere sich, dass das "Molto adagio" aus dem Streichquartett "a-moll op 132" die Überschrift "Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit" trägt. Beethoven wollte, dass seine Kompositionen als Ausdruck seines Seelenzustandes verstanden werden. Das war so vorher nicht üblich, in der Romantik aber durchaus gebräuchlich.

Langer Vortrag

Es folgt nach der Pause die umfangreichste und längste Klaviersonate von Beethoven, die "Große Sonate für das Hammerklavier B-Dur op 106", Erzherzog Rudolph gewidmet. Wer jetzt meint, wegen der Widmung sei ein üblich in die Zeit passendes Werk zu vermuten, irrt. Allein die Vortragsdauer beträgt über eine Dreiviertelstunde. Dazu verlangen alle Sätze äußerste Konzentration, eine Etappe der Ruhe gibt es nicht.

Und was die technischen Anforderungen angeht, so gilt die Hammer-Klaviersonate unbestritten als die schwerste, die Beethoven geschrieben hat. Bei dem rasanten Tempo, das Seibert anschlägt, ist seine Gestaltung immer überzeugend.

So im "Allegro", das sinfonisches Maß und sinfonischen Gehalt aufweist. Auffordernde Akkorde, an die sich eine leisere Melodie anschließt, bilden in ihrer Gegensätzlichkeit den Kern, den der Pianist in seiner weitgespannten und spannenden Entwicklung darstellt. Das Scherzo eilt in Seiberts drängender Spielweise ohne Ruhe vorüber. Das "Adagio sostenuto", der längste langsame Satz, den Beethoven verfasst hat, ordnen manche wegen seiner Ausdrucksstärke der Romantik zu. Seibert arbeitet die Stimmungen, die volle Konzentration verlangen, glaubhaft nach.

Erschöpfung

Die Schlussfuge führt nach geheimnisvoller Einleitung in der strengen Kompositionsform gebändigte Leidenschaft vor und klingt wie das geglückte Ansinnen, das eigene Leben in einem geordneten musikalischen Rahmen aufzuheben. So stellt Seibert den Satz vor. Dass keine Zugabe erfolgt, ist nach dem anstrengenden Programm klar. Der Beifall ist trotzdem beachtlich.
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