„Tracht im Blick“
Die Oberpfalz packt aus

Museumsleiterin Eva Maria Keil zeigt die klassische Unterhose für den Mann. Im Hintergrund ist das wollene Modell zu sehen. Bilder: Huber (5)
Kultur
Schwandorf
29.04.2016
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Es war ein emanzipatorischer, befreiender Akt, die Entwicklung des Büstenhalters aus dem Mieder.

Die Suche nach dem Stoff, aus dem erotische Träume gewirkt sind, läuft im Schwandorfer Stadtmuseum ins Leere. Diese Züchtigkeit hat aber nichts mit Prüderie zu tun, sondern ist bewusst so gewählt, auch wenn der Titel der Ausstellung voyeuristische Einblicke verspricht.

Die Einsichten sind jedoch ganz anderer Art, denn die Schau ist Teil der Oberpfälzer Ausstellungsreihe "Tracht im Blick" und hebt den Dirndlrock hoch. Was sich darunter verbirgt, beflügelt nicht zwangsläufig die Fantasie. Die Unterhemden sind noch Hemden im wahrsten Sinne des Wortes. Aus Leinen im unisex Schnitt gefertigt, unterscheiden sich die weiblichen Ausstellungsobjekte von den männlichen beispielsweise durch Stickereien oder Häkelspitzen und die Länge.

Die Herrenhemden reichten bis zum Knie, die Frauenhemden bis zur Wade. Das Unterhemd war genauso Oberhemd wie Nachthemd und wurde höchstens einmal die Woche gewaschen. "Es wurde viel gelüftet", erklärt Museumsleiterin Eva Maria Keil. "In der Oberpfalz wurde sehr spartanisch gelebt". Darin liegt ein Grund, warum Keil bei der Ausstellung nicht aus dem Vollen des museumseigenen Fundus schöpfen konnte. Unterwäsche war Gebrauchswäsche - hatte maximal bei Frauen Zier-Charakter - und wurde getragen bis sie zerschlissen war, dann vielleicht noch als Lumpen benutzt und weggeworfen. Deshalb hat sich Keil Teile aus Augsburg und auch Bielefeld geholt. Bei diesem Thema bereitet das keine Schwierigkeiten, "denn Unterwäsche ist nicht regionalspezifisch". Sie war landauf landab einheitlich und weiß - bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.

Doch mit diesen Leihgaben war noch nicht alles unter Dach und Fach, bei den Männern lagen die Hürden deutlich höher. Nur Unterwäsche für Soldaten des Ersten Weltkriegs zu präsentieren, wäre ihnen und dem Zweck der Schau nicht gerecht geworden. Deshalb war die Freude groß, als das Freilandmuseum Neusath-Perschen auspackte. Eine gestrickte Herrenunterhose aus Schafwolle war dabei - ungetragen! Kein Wunder.

Setzen Dirndl das Dekolleté als Blickfang in Szene, unten drunter wird mit Reizen gespart, siegt die Praktikabilität. Über ein Leinenhemd wurde ein Miederleibchen gezogen und darüber das Mieder, oft aus Seide. Ein wärmender, wattierter Unterrock wurde von einem Oberrock aus Seide verdeckt. Diese Kleiderschichten hatten durchaus einen Sinn. Die Unterwäsche war waschbar, die Oberwäsche nicht. Das Unten-Drunter schützte zusätzlich vor unbequemen Metallteilen wie Verschlusshaken und Ösen am Mieder. Drei Leihgaben aus dem Historischen Museum in Regensburg sind auch die ältesten Stücke der Ausstellung.

Ein Korsett aus Leder für Kinder stammt aus der Zeit um 1700 und zwei Korsetts für Mädchen oder junge Frauen werden auf 1770 bis 1800 datiert. Beim Betrachten dieser einengenden Kleidungsstücke offenbart sich, welche Befreiung die Erfindung des Büstenhalters - nach dem Wissen der Museumsleitern etwa Anfang des 20. Jahrhunderts - darstellt. "Die Emanzipation beginnt mit der Befreiung vom Korsett", sagt sie und verweist durchaus auf die gesellschaftspolitischen Aspekte der Ausstellung.

Die Erfindung der Unterhose für die Frau machte viele Männer skeptisch und argwöhnisch. Die Frau sollte einfach nicht die Hosen an haben, auch nicht unten drunter. Erst ab dem späten 18. Jahrhundert entwickelten sich spezielle Männerunterhosen. Frauen trugen erst ab dem frühen 19. Jahrhundert Unterhosen. Diese waren jedoch wegen der umständlichen Reifröcke bis Ende des 19. Jahrhunderts im Schritt noch offen. Die Unterwäsche, wie wir sie heute kennen, ist vergleichsweise jung und erst rund 100 Jahre alt.

Als Oberbekleidung trugen die Leute auf dem Land Tracht und noch heute wird unter der Tracht Unterrock getragen. Ansonsten hat er ausgedient. Die sogenannten Tanzhosen der Trachtenvereine sind knielang und den Damenunterhosen, die etwa von 1900 bis 1930 getragen wurden, sehr ähnlich. Sie sind damals wie heute weiß, geändert hat sich das Material. Die Ausstellung ist bis auf ein Babydoll aus den 1920er Jahren und ein paar Stücke aus den 1950er Jahren eher farbarm, mal abgesehen von den Strümpfen, die durch Farbe wohlgeformte Beine akzentuierten, und zwei handgestrickte "Liebestöter" in rosa und himmelblau.

ServiceAusstellung: "Unten drunter geblickt auf Wäsche und Strümpfe...". Bis 11. September.

Ort: Stadtmuseum Schwandorf, Rathausstraße 1, 92421 Schwandorf.

Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Samstag geschlossen; Mittwoch 14 bis 17 Uhr; Donnerstag 12 bis 18; Freitag 14 bis 17 Uhr; Sonntag 14 bis 17 Uhr.

Kontakt: Telefon 09431/41553.

Die Ausstellung in Schwandorf gehört zur neunteiligen Reihe "Tracht im Blick - Die Oberpfalz packt aus". Ein Begleitband dazu erscheint in Kürze. Wer alle Ausstellungen besucht und sich die entsprechenden Stempel abholt, erhält den Begleitband gratis.

Bereits zusehen sind die Ausstellungen: "Dirndl, Gwand und Heimatkleid" im Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen ; "Trachtenzubehör aus der Oberpfalz und dem Egerland" im Stadtmuseum Weiden ; "Tracht betrachtet: Waldschmidt, Oskar von Zaborsky und der Ostmark-Onkel" im Wallfahrtsmuseum Neukirchen beim Heiligen Blut ; "Heimat auf der Haut" im Historischen Museum Regenburg .

"Alles reine Kopfsache" im Stadtmuseum Nittenau wird am 30. April eröffnet.
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