"Bauerndoktor" mit Weitblick

Alfred Wolfsteiner und sein neues, 140-seitiges Werk über Georg Heim. Bild: Dobler
Lokales
Schwandorf
30.05.2015
3
0

Der Mann hatte Courage und Weitblick, seine große Passion waren die Politik und die Landwirtschaft. In beiden Bereichen erreichte er in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Außergewöhnliches. Und trotzdem kennt ihn fast keiner mehr. Das kann sich nun aber ändern. Denn der "Bauerndoktor" hat einen neuen Biografen gefunden.

Autor Alfred Wolfsteiner ist von Dr. Georg Heim, Spitzname "Bauerndoktor", fasziniert. "Das war einer der ersten modernen Politiker", ist sich der Schwandorfer Stadtbibliothekar sicher, der kürzlich eine gut lesbare Monografie über den streitbaren und visionären Bayern vorgelegt hat. "Er war als politischer Kopf seiner Zeit weit voraus", urteilt Wolfsteiner in seinem Buch, "er war dynamisch, frei von ideologischen Scheuklappen, von großem Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge, dazu unabhängig und kritisch".

Georg Heim kam 1865 in Aschaffenburg auf die Welt - also vor genau 150 Jahren; 1938 verstarb er in Würzburg. Er war ein bayerischer Agrarpolitiker und Führer der katholischen Bauernbewegung in Bayern, Mitbegründer der Bayerischen Volkspartei (BVP) und Wortführer des bayerischen Separatismus nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches. Dass Heim kernige Sprüche liebte und von den "Preußen" nicht viel hielt, zeigt sein bekanntestes Bonmot "Wir (Anm.: die Bayern) hatten schon eine Kultur, als sich in der Mark Brandenburg noch die Wildschweine den Arsch an den Fichten gewetzt haben."

Skandal "Holzschlacht"

"Entdeckt" hat Wolfsteiner den Mann, der in seinem Leben so viel für die bäuerlichen Genossenschaften und die Durchsetzung der politischen Interessen der Landwirte getan hat, bei seiner Beschäftigung mit der "Fuchsmühler Holzschlacht". Damals vergoss das Militär Blut von Demonstranten und es gab sogar Tote. Heim machte den Skandal vom 30. Oktober 1894 über die "Amberger Volkszeitung" publik. Denn Heim war, neben vielen anderen Talenten, auch ein Pressemann. Und er hatte viel Energie - sie brachte den jungen Lehrer über die Jahre bis in den Berliner Reichstag und an die Spitze der Genossenschaft.

"Er hat in der damaligen Krise der Landwirtschaft den Leuten Hilfe zur Selbsthilfe geboten, vor allem durch das Genossenschaftswesen im System Raiffeisen", verdeutlicht Wolfsteiner. So gab es Kredite für die Bauern und die Möglichkeit zum Warenvertrieb in einer Art Direktvermarktung, den gemeinschaftlichen Bezug von Saatgut und ähnliches mehr, was den Landwirten half. "Vor allem in Oberfranken und in der nördlichen Oberpfalz hat er viele Raiffeisenvereine gegründet", weiß Wolfsteiner, "auch im Bereich Nabburg und Dürnsricht". Das war in der Zeit nach 1900. Wenn man die heutigen Festschriften lese, tauche Heims Name immer wieder auf. Mitstreiter bei den Neugründungen waren die Ortsgeistlichen. "Das waren oft Bauernsöhne, die kannten die Probleme."

Auch politisch versuchte der "Bauerndoktor" den Landwirten zu helfen, als er "christliche Bauernvereine" ins Leben rief, als Interessenvertretung der ländlichen Bevölkerung. Wolfsteiner: "Die war, wegen der Krise, sehr politisiert - auch in unserer Region." Fast jeder größere Ort hatte schließlich einen christlichen Bauernverein - das sei heute den Menschen nicht mehr so bewusst.

Politisch war Heim ein weiß-blauer Zentrumsmann, also eine Art CSUler. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte er seine separatistische Gesinnung um, indem er die Bayerische Volkspartei gründete - das war 1918 in Regensburg. "Max Bollinger aus Schwarzhofen war damals auch dabei", sagt Wolfsteiner, der in dem kleinen Ort nordöstlich von Schwandorf ebenfalls wohnt. Regensburg war überdies der Sitz der Zentralgenossenschaft, der Heim vorstand und die er mit Erfolg betrieb. "Von dort hat man auch die Technisierung der Landwirtschaft in unserem Raum vorangetrieben."

Gegner der Nazis

Heims Erfolge und seine Energie brachen mit dem Aufkommen der Nazis, die ihn als Gefahr sahen. Er wurde schikaniert und kalt gestellt. Fünf Jahre nach Hitlers Machtantritt starb Dr. Georg Heim, im Alter von 73 Jahren. Mit ihm verlor die Region einen ihrer großen christlichen Politiker und Bauernführer. Den wieder zu entdecken sich unbedingt lohnt.

___

Alfred Wolfsteiner, "Georg Heim - Bauerngeneral und Genossenschaftler", Verlag Friedrich Pustet, 12,95 Euro
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7904)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.