Briefe aus dem Gefängnis

Lokales
Schwandorf
25.11.2015
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Manche halten ihn für einen evangelischen Heiligen. Aber Dietrich Bonhoeffer war vor allem und zuerst Mensch - und Liebender. Seine bewegenden Briefe an seine Verlobte nehmen noch heute gefangen, nach über 70 Jahren.

Gefangen war auch der erfahrene Theologe, als er die Liebesbriefe verfasste - und zwar im wörtlichen Sinn. Als Gegner des Nazi-Regimes kam er 1943 in die Haftanstalt Tegel, die er bald wieder zu verlassen hoffte. Zumindest beteuerte er dies in den Schreiben an seine junge Verlobte Maria von Wedemeyer.

Auszüge aus Brautbriefen

Als Verlobungsdatum der beiden nannte EBW-Vorsitzender Siegfried Kratzer (Amberg) in seinem Einleitungsreferat den Januar 1943. Bereits im April 1943 wurde Bonhoeffer inhaftiert. Seine damalige Zellennummer gaben der szenischen Lesung den Titel, bei der der evangelische Dekan Karlhermann Schötz (Sulzbach-Rosenberg) und seine Frau Heidrun Auszüge aus den "Brautbriefen Zelle 42" vortrugen.

Die gut besuchte Veranstaltung im evangelischen Gemeindesaal wurde musikalisch von Heiner Weigert aus Schmidmühlen gestaltet, der mit seiner Klarinette Klezmer artige Melodien improvisierte, die mit ihrer melancholischen Poesie die Atmosphäre des Abends spiegelten. Im Wechsel trug das Ehepaar Schötz die Briefe vor - er die Texte Bonhoeffers, sie die von Maria von Wedemeyer. Diese zeigte sich trotz ihrer erst 18 Jahre als eine nachdenkliche und aufrechte Frau, die ihrem doppelt so alten Verlobten in dessen schwerer Lage mit einfühlsamen Worten beiseite stand. Zu Beginn der Haft sind die Briefe sehr optimistisch, dass die Prüfung bald ausgestanden ist. Beide schreiben über Musik und die gemeinsame Zukunft. Sie berichtet auch über die Familie und ihre Lebensumstände, er wegen der offiziellen Mitleser nur sehr pauschal über seine Haftbedingungen. Je länger die Haft Bonhoeffers dauerte, desto wichtiger wird beiden der Trost durch den Glauben an Jesus Christus. Die Wartezeit sehen sie als Prüfung und als Geschenk Gottes, das ihre Verbindung enger und bedeutsamer macht.

Tröstendes Gedicht

In den letzten Briefen scheint gelegentlich eine Verzweiflung durch, die sich beide nicht gestatten wollen. In ihrer Sehnsucht malt Wedemeyer einen Kreidestrich in der Größe von Bonhoeffers Zelle um ihr Bett, um sich sein Leben hinter Gittern vorstellen zu können. Im Weihnachtsbrief des Jahres 1944, seinem letzten, schreibt Bonhoeffer das tröstende Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen", das evangelische und katholische Christen heute als Kirchenlied singen. Einige Monate später wurde Bonhoeffer im KZ Flossenbürg ermordet.
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