Dement oder weise?

Das Münchner Schauspieler-Ehepaar Monika Manz und Gerd Lohmeyer befasste sich im Oberpfälzer Künstlerhaus mit dem Älterwerden auf ernsthafte, aber auch humorvolle Weise. Bild: tie
Lokales
Schwandorf
18.06.2015
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Intensives Lesen und intensives Hören bedeutet intensives Verstehen. Im Oberpfälzer Künstlerhaus fand ein weiterer Abend innerhalb der Reihe "Schwandorf liest" statt. Vor einem großen und interessierten Publikum.

Die Veranstaltung war schnell ausverkauft. Das Thema innerhalb der Reihe "Schwandorf liest" hatte ihren Zuspruch gefunden. Wenn es heißt "Dement oder weise - das ist hier die Frage. Ein literarischer Pfad über das Älterwerden", dann ist das nun mal ein Prozess, der jeden Menschen betrifft. Natürlich weiß man, wenn Dichter sich über ein solches Thema äußern, muss es nicht immer wissenschaftlich genau erfolgen. Jedoch kann gerade eine satirische Darstellung des Älterwerdens beim Zuhörer eine schmunzelnde Beruhigung auslösen.

"Zu neuen Ufern"

Und mit der Auswahl der gelesenen Texte hatte das Münchner Schauspieler-Ehepaar Monika Manz und Gerd Lohmeyer neben ernsthaften Aussagen auch satirische im Sinn. Schon ihr Auftritt wurde zu einer witzigen Beschäftigung mit der alltäglichen Vergesslichkeit, wie sie das Erinnern an Namen beeinträchtigt. Gleichzeitig sollte man aber, wie beide Schauspieler meinten, den Wahlspruch "Erträglich enden oder auf zu neuen Ufern" immer ins weitere Leben einbeziehen.

Und schon begann die erste Lesung. Ein Auszug aus Ovids "Metamorphosen" beschäftigte sich mit "Philemon und Baucis", die "Greise wurden zugleich, und weil sie ihre Armut offen bekannten, machten sie diese sich leicht und ertrugen sie ruhigen Herzens." In abwechselnden gesprochenen Sätzen, manchmal auch gemeinsam wurde die Ge- schichte vorgetragen. Sowohl Monika Manz als auch Gerd Lohmeyer sprachen deutlich und decidiert. Samuel Beckett war der Autor des nächsten Textes. "Krapp oder das letzte Band" war ebenfalls anspruchsvoll und verleitete zum Nachdenken. Immerhin wird das depressive Denken eines alten Mannes geschildert, bis "die Flasche leer ist". Damit erscheint der oben genannte Wahlspruch noch eindringlicher zu sein.

Was ist mit Oma los?

Die Kurzgeschichte "Die unwürdige Greisin" von Bert Brecht trug Monika Manz vor. Ein immer zeitgemäßes Problem wird dargestellt: Die Unterstützung der Großmutter nach dem Tod des Großvaters. Reichen Geldüberweisungen oder muss man sie auch besuchen? Sind ihre Kontakte zu anderen Leuten gefährlich für sie? Führt sie jetzt ein neues Leben? Sie fährt doch glatt zu einem Pferderennen! Und Kontakt hat sie zu einer jungen Schwachsinnigen! Brecht meint, sie habe zwei Leben gelebt, das fremdbestimmte mit ihrem Mann, das selbstbestimmte nach dessen Tod.

Tiefsinnig geht es weiter. In Rainald Goetz Text "Katarakt" werden elf Altersstufen abgehandelt. In der letzten, der Weg zum Tod, und wie er verläuft, dass man sich darauf einstellen kann. Dann wieder Monika Manz mit einem Auszug aus "Still Alice" von Lisa Genova, in dem die Entwicklung von Demenz behandelt wird.

Die Akteure gefeiert

Gemäß Gerd Lohmeyer folgte dann ein Beitrag zu Problemen unserer Tage. Man staunte jedenfalls über die diversen Bitten, die Teresa von Avila in ihrer Schrift "Gebet eines älter werdenden Menschen" vor 500 Jahren niedergeschrieben hat. Nach der Pause folgte ein Feuerwerk an kürzeren, aber oft ironisch treffenden Aussagen verschiedener Autoren vor allem über Vergesslichkeit. So etwa in einer ernsthaften Schrift, keinem Märchen der Gebrüder Grimm mit dem Titel "Gott und die Lebenszeit der Kreaturen". Die beiden ordneten darin die zweite Lebenshälfte der Menschen (damals ab etwa 35 Jahren) einem Tier zu. So lauten Erkenntnisse etwa: "Wie der Esel plagt sich der ältere Mensch für andere" oder "er kommt im Alter anderen wie ein Affe vor".

Nach weiteren Texten war der Schlusspunkt ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, das zwölfte aus dem zweiten Teil der "Sonette an Orpheus", worin Rilke meint: "Was sich im Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte." Gleichartig sagt Bert Brecht: "Wenn nicht jetzt, wann dann?!" Das Publikum war angetan von diesem ernsthaften wie lustigen Nachdenken über das Älterwerden und feierte beide Akteure zu Recht begeistert.
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