Der "Bergbauer" vom Naabtal

Lokales
Schwandorf
08.08.2015
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Mit der Vorstellung "Südtirol ist sonnig und warm" fährt Josef Vitzthum über die Alpen. Tatsächlich ist es oft regnerisch und kühl. Er fällt abends todmüde ins Bett, um tags darauf um 5 Uhr wieder aufzustehen. Für all das kennt er nur ein Wort: "Grandios."

Der Schwandorfer packt vier Wochen, vom 8. Juni bis 4. Juli, auf einem Bergbauernhof im Gadertal mit an. Der Colzhof liegt im bekannten Wintersportgebiet Alta Badia (Hochabtei), "im Herzen der Dolomiten und im Herzen von Südtirol. Man hat alles vor sich, die Gletscher der Marmolata und den Kreuzkofel und jeden Tag ein anderes Panorama." Aber auch fast jeden Nachmittag Gewitter. Auf eine abgelegene Alm will der ehemalige Sparkassenangestellte, der sich noch in der Ruhephase der Altersteilzeit befindet, nicht. "Ich wollte Leute kennenlernen, Kontakte knüpfen, ich bin neugierig."

Drei Sprachen

Auf seine leutselige Art erfährt der 63-Jährige viel über die Bewohner, deren Lebensgewohnheiten, wie den sonntäglichen Kirchgang mit Frühschoppen, der keine reine Männersache ist, und auch über das arbeitsame Leben in einer Postkarten-Landschaft. Er trifft sich mit Nachbarn. Er gehört dazu, "als wie wenn ich schon immer da wäre". Die Muttersprache im Gadertal ist Ladinisch, die Amtssprache Italienisch und die Umgangssprache Deutsch. Nicht nur der Colzhofbauer, seine Frau und die vier Kinder fühlen sich zuerst als Ladiner, dann als Italiener und als Drittes als Südtiroler, sondern auch die anderen Talbewohner. Vitzthum ist beeindruckt, wie selbstverständlich bei Unterhaltungen die Sprachen gewechselt werden. "Der Josef", wie ihn alle nennen, hat feste Aufgaben, zum Beispiel täglich die Kühe auf die Gemeinschaftsweide zu bringen oder die Milchkammer zu reinigen. Er greift aber überall dort zu, wo Not am Mann ist, treibt die Kälber und die Pferde auf die Alm, hilft beim Melken und der Heuernte. Vieles ist an diesen Berghängen Handarbeit. Voriges Jahr wurde erst im August Heu eingefahren, heuer schon im Juli, mit der Hoffnung auf eine zweite Mahd. Vitzthum ist sich sicher: "Bei uns hätte das keiner heimgefahren." Es sei noch nicht richtig trocken gewesen. Um 40 bis 55 Cent pro Liter Milch zu erzielen, darf keine Silage verfüttert werden. "Im Schnitt geben die Kühe 15 Liter."

Der Schwandorfer bringt beste Voraussetzungen mit. Er ist handwerklich geschickt, stammt aus einer kleinen Landwirtschaft, ist Jäger, macht Brennholz und hat deshalb den Motorsägenschein und er ist kerngesund. Aber betont er: "Jeder ist eine Hilfe und jede Hilfe willkommen." Die Hochachtung der Bauern genießt er spätestens seit ein Kälbchen vom Euter der Mutter entwöhnt werden sollte und nicht trinken wollte. "Ich hab's gemacht wie früher, dem Kalb einen Finger in den Mund gesteckt, den Kopf zum Eimer Milch geführt und schon hat es getrunken. "

"Ich mach' das wieder"

Auf die Idee, als "Knecht" auf einem Südtiroler Hof zu arbeiten, hat ihn der Ehemann von Sozialministerin Emilia Müller, aus dem Südtiroler Ultental stammend, gebracht. "Die erste Woche war ich ziemlich KO." Nicht nur die körperliche Arbeit, "die Höhenluft hat mir zu schaffen gemacht," gesteht Vitzthum. Der Hof liegt auf 1378 Meter. Zum Vergleich: Der Brenner liegt auf 1360. Kost und Logis ist für die Helfer frei, die Anreise erfolgt auf eigene Kosten.

Vitzthum spricht von leben "im Einklang mit der Natur. Dass ich abends richtig müd' ins Bett fall', hab' ich lange nicht erlebt. Ich habe vier Wochen keinen Fernseher eingeschaltet, nur auf dem I-Pad geschaut, was los ist". Trotz Frühstück und zwei warmen Mahlzeiten am Tag nimmt der 63-Jährige, der während seiner "Bergbauernzeit" Geburtstag feierte, bei rund 14 Stunden täglicher Arbeit ab. Aber er ist fest entschlossen: "Ich mach' das wieder." (Hintergrund)
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