"Der" ist in der Schule blau

Spielend Vokabeln lernen: Memory ist dazu eine Methode. Sie wird in den Übergangsklassen praktiziert Bilder: Held (3)
Lokales
Schwandorf
15.11.2014
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Es ist Bewegung in den Übergangsklassen. Jeder Schüler hat seinen eigenen Stundenplan. Alle wissen, wie sie heißen, woher sie kommen, wo sie wohnen und wie alt sie sind.

Ahmed aus Syrien weiß auch schon, was er werden will: Maurer. Das sagt er auf deutsch, ebenso wie er heißt,woher er kommt und so weiter. Der 16-Jährige sitzt seit zwei Monaten in der Übergangsklasse von Kirsten Fricke an der Mittelschule in Teublitz. Drei Jahre lang hat er überhaupt keine Schule besucht. Seine Klassenkameraden kommen unter anderem aus Polen, der Slowakei, Rumänien und Griechenland. Fricke lobt ihn wegen seiner Fortschritte. "Er kann ganz toll vorlesen." Ahmed freut sich.

Zwölf Kinder der Jahrgangsstufen 5 bis 9 besuchen die Übergangsklasse - nicht immer. Zwei sind am Donnerstagvormittag im Fachunterricht. "Jedes Kind hat seinen eigenen Stundenplan." Schulleiterin Maria Karg-Pirzer zeigt ein Beispiel. Ziel ist es, die Kinder in die Regelklassen zu integrieren, sobald es die Deutschkenntnisse zulassen. Das geht bei Sport und Kunst am leichtesten. Ein polnischer Junge, der sehr gut Englisch kann, lernt diese Fremdsprache mit der Stammklasse. Er darf vielleicht im Februar die Übergangsklasse verlassen und in die Achte wechseln. Manche brauchen gar nicht in eine Übergangsklasse. Das entscheiden Klasslehrer in Zusammenarbeit mit Schulleitung und Schulamt.

Ohne Lehrplan

Schulamtsleiter Georg Kick ergänzt: "Syrische Kinder, die perfekt Englisch sprechen, sind gleich ans Gymnasium geschickt worden." Individuelle Lösungen sind gefragt und die Lehrer beweisen Kreativität und Flexibilität. Sie brauchen auch Einfühlungsvermögen, denn "je mehr sie sprechen können, desto mehr Geschichten kommen", sagt Fricke. Ein Mädchen habe erzählt, dass ihre Freundin von der Polizei erschossen worden ist, andere beschreiben Stationen ihrer Flucht. Diskutiert werde auch, wenn die Sprache nicht mehr weiterhilft, mit Hand und Fuß.

Unterricht nach Lehrplan ist nicht möglich, dazu verändert sich in den Klassen zu viel. Die Grundschul-Übergangsklasse der Telemann-Schule in Teublitz hat kürzlich zwei albanische Geschwister neu bekommen. "Jetzt kann ich wieder von vorne anfangen", bemerkt Lehrer Armin Gugau. Er muss wieder den ersten deutschen Wortschatz vermitteln. Allerdings schade es den anderen Kindern auch nicht, diene es der Vertiefung und mache Spaß.

"Eselsbrücken" müssen sein

Schließlich wissen die "Älteren" in der Klasse schon ein bisschen mehr, das macht sie stolz, hilfsbereit und stärkt ihr Selbstbewusstsein. Sie lernen das Wort "Schultasche" kennen und deren Inhalt: das Heft, der Bleistift, das Lineal, die Schere. Zu schaffen macht ihnen der Artikel. "Da gibt es keine Logik," weiß Gugau. Ein paar Kinder sagen auch der Lineal. Gugau verbessert geduldig: "Das Lineal." Zum Einprägen gibt es farbige Kreissymbole: "Der" ist blau, "die" ist rot, und "das" ist grün.

Die Umstellung von arabischen Zeichen und von der Rechts-nach-Links-Schreibung auf die lateinische Schreibweise fällt nicht schwer. Diese Erfahrung hat Gugau gemacht. "Es ist viel einfacher, als wenn Kinder überhaupt nicht schreiben können." "Manchmal ist es auch wichtig Erlerntes in der Praxis einzuüben", informieren Karg-Pirzer und Kick. Die Lehrer gingen mit den Übergangsklassen nicht einfach so spazieren, sondern zum Beispiel zur Verkehrserziehung. Sprachpaten stehen den Familien zu Hause zur Seite. "Aber die Muttersprache muss beibehalten werden", sagt Kick. "Die sollen die Kinder nicht verlernen." (Hintergrund)
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