Durchtanzen mit Dr. Sägebein

In der "Goldenen Gans", der heutigen Schmidt-Bräu-Gaststätte, feierten die Eisenbahner. Conditor Kießling empfahl über den Fasching seine Krapfen, sowie "feine und ordinäre Liqueure". Die Anzeige stammt aus den späten 1860er-Jahren.
Lokales
Schwandorf
12.02.2015
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Tanzen bis zur Ermüdung: Die Vorfahren der heutigen Schwandorfer feierten zünftig Fasching, Bälle gab es zur Genüge - bis hin zur "maskierten Knödelpartie". Vielleicht mit einer Clownnase aus dem Angebot des Hauses Beer. Pfarrer Pöllinger sorgte sich deshalb um seine Schäfchen.

. "Kartenspiele im Winter, Kegelscheiben im Sommer und Scheibenschießen sind die Belustigungen des männlichen Geschlechts - Tanzen aber, und zwar oft bis zur größten Ermüdung und gewisse Spaziergänge die Volksbelustigungen der Jünglinge und Jungfrauen." Christoph Raphael Schleis von Löwenfeld verdanken wir die obige Schilderung der Freizeitgestaltung der Schwandorfer Stadtbevölkerung um 1800. Der junge Arzt kam im Jahre 1798 von Sulzbach nach Schwandorf und bereits ein Jahr später legte er seine "Medizinische Ortsbeschreibung der Stadt Schwandorf im Nordgau" mit der Schilderung der Lebensumstände der örtlichen Bevölkerung vor.

Faschingstänze werden darin nicht ausdrücklich erwähnt, aber vielleicht sind diese mit den "Tänzen bis zur größten Ermüdung" gemeint. Wie damals allgemein die Freizeitgestaltung der Schwandorferinnen und Schwandorfer aussah wissen wir. Aber erst für das Jahr 1835 haben sich im Stadtarchiv Schwandorf mehrere Gebührenzettel erhalten, die an den letzten Faschingstagen dieses Jahres immerhin zehn Bälle bei fünf Wirten und sechs verschiedenen Terminen belegen. Neben den Faschingstagen waren damals ganz offensichtlich auch die Jahrmarktstermine häufig mit Tanzveranstaltungen belegt. So werden etwa an den Marktterminen wie Simon und Judä oder an Dreikönig ausdrücklich Tanzveranstaltungen genehmigt.

Bürgerball zur Revolution

Im Revolutionsjahr 1848 wird neben den Tänzen an den Markttagen ausdrücklich am Rosenmontag ein "Bürgerball" bei Casimir Ziegler erwähnt. In den drei Wirtshäusern im "Wilden Mann", im "Goldenen Kreuz" und in der "Goldenen Krone" waren in diesem Jahr sogar an den drei Tagen vom Faschingssonntag bis Faschingsdienstag täglich Bälle angekündigt. Außerhalb diesen genannten Terminen waren Tanzbelustigungen in Schwandorf unterm Jahr sonst ganz offensichtlich unüblich.

Ähnlich wie in Amberg blieben die Besucher der Bälle um 1860 wohl auch in Schwandorf jeweils unter sich: Hier die "Klasse der Dienstboten", dort die Vertreter der "bürgerlichen Stände". Mit der Eisenbahn und der Lockerung der Vereinsgesetze organisierten nun auch Berufsverbände und Vereine wie etwa Schützen- und Gesangsvereine eigene Bälle. Tanzveranstaltungen an Kirchweih werden nun ebenfalls regelmäßig erwähnt.

In der nur von 1867 bis 1870 existierenden Zeitung "Der Naabthal-Bote" wird das gesellschaftliche Leben und das inzwischen erheblich erweiterte Angebot an Veranstaltungen um 1860 deutlich: Neben den Faschingsbällen, wie etwa einem "Ball des vereinigten Eisenbahn-Personals" waren nun auch Bockbierfeste eine Attraktion, wozu man im Bräuhaus Fronberg im Jahre 1867 auch noch "Geschwollene und Weißwürste" kredenzte. Auch eine Reihe von Biergärten, wie etwa der Klostergarten, öffneten nun zum "Maibock" oder zum Ausschank des Sommerbiers ihre Tore. Häufig gefeierte Namenstage wie Josephi, Georgi oder Michaeli boten ebenfalls Anlass zu gastronomischen Veranstaltungen. Die "Seppln", "Michln" und "Schorschn" feierten gemeinsam mit ihren Freunden ihren Namenstag, der früher weit mehr galt, als der Geburtstag.

Stadttürmer spielt auf

Verschiedene Gesellschaften und Vereine organisierten nun ab 1865 eigene Faschingsbälle, die nur für Mitglieder und deren Freunde zugänglich waren. Die Gesellschaft "Eintracht" ergänzte das Angebot an Bällen um eine "Maskierte Knödelpartie". Aber auch der Stammtisch "Wanderer" oder die Gesellschaft "Gemütlichkeit" belebten das Faschingsgeschehen mit ihren Terminen. Für die musikalische Begleitung sorgte dazu die fünfköpfige Tanzkapelle des Stadttürmers Luschner, doch auch auswärtige Kapellen, wie die "Stamsrieder Musik", kamen in Schwandorf zum Zuge.

Als Höhepunkt der Faschingszeit im Jahre 1867 wird vom Chronisten der Ball der "Eintracht" am Faschingssamstag in der "neuen Post" genannt. Den "Kehraus" im "Klosterbräustüberl" beendigte ein Zithervirtuosen, der mit sanften Klängen in die "wermuthgewürzte Fastenzeit" hinüberspielte. Der Redakteur registrierte in dieser Saison wenige Herrenmasken, dafür waren Damenmasken umso zahlreicher vertreten.

Maskierte Bauernhochzeit

Eine neue Dimension erreichte der Schwandorfer Fasching im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dadurch, dass für die Bälle spezielle Themen vorgegeben wurden. Im Jahre 1886 etwa lud die "Liedertafel" zu einer "Großen musikalisch-mimisch-humoristischen Faschingsunterhaltung" oder zur "Maskierten Bauernhochzeit" mit "Hochzeitszug, Festessen und Tafelschüsselrennen" ein. Die örtlichen Bäcker und Konditoren empfahlen außerdem bereits im Vorfeld für die närrischen Tage ihre "Faschings-Krapfen" sowie "Punsch- und Kaffee-Bäckereien" zur geneigten Abnahme. Die Liedertafel lud schließlich 1888 in die "Gans", ihrem Vereinslokal zur Aufführung der komischen Operette "Dr. Sägebein und sein Famulus". Zugangsberechtigt waren dabei nur Mitglieder. Jede Maske hatte sich vorab beim Vorstand geheim zu erkennen zu geben: "Eingeführte fremde Gäste bittet man dem Vorstand vorstellen zu wollen." Unangemeldeten Masken wurde der Zutritt verweigert. Das Gleiche verlangte auch das "Komitee der Arbeiter der königlichen Betriebswerkstätte", das bei seinem Ball am 29. Januar 1898 ausdrücklich auf "anständige Masken" Wert legte. Entsprechende Artikel gab es in der Handlung von Michael Beer zu kaufen, wie ein Inserat formuliert: "Gesichtsvisiere in allen Farben, Nasen in allen Größen, Kopfbedeckungen aller Art".

Christenpflicht erfüllen

Pfarrer Pöllinger bat zu Beginn der Faschingszeit in einem Aufruf im "Tagblatt" 1898, die Organisatoren von Bällen, Tanzkränchen, Hausfastnachten etc. möchten doch bitte ihre Unterhaltungen nicht an den Vorabenden der Sonn- und Festtage abhalten, damit das christliche Volk "in keiner Weise gehindert oder beeinträchtigt wird, seine sonn- und festtägliche Christenpflicht zu erfüllen", vielmehr der Messe mit "Muse und Würde" beiwohnen könne. Der geistliche Herr kannte seine Schäfchen.

Der Wandel der Feiern weist so auf gesellschaftliche Umbrüche auch in einer Kleinstadt wie Schwandorf hin. Innerhalb eines Jahrhunderts hatte sich das Unterhaltungsangebot dramatisch verändert.
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