Entdeckung in zwölf Teilen

Pianist Christoph Soldan widmete sich musikalisch und in Texten Leben und Werk von Fanny Hensel-Mendelssohn Bild: tie
Lokales
Schwandorf
28.04.2015
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Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn war geprägt durch gesellschaftliche Konventionen. Pianist Christoph Soldan hat sich ihrer Klavierwerke angenommen. Im Künstlerhaus nutzte er auch Peter Härtlings Roman "Liebste Fenchel!", um in die Epoche zu blicken.

"Liebste Fenchel!", so pflegte ihr jüngerer Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809- 1847) sie zu rufen. Er und seine vier Jahre ältere Schwester Fanny Hensel- Mendelssohn (1805 - 1847) verstanden sich ihr kurzes Leben lang sehr gut, sowohl im Rahmen der Familie als auch im gemeinsamen Geschmack von Musik, der jedoch trotzdem zu individuellen Ausprägungen in ihrem kompositorischen Tun führte.

Spät veröffentlicht

Peter Härtling hat die oben genannte Anrede als Titel seines Buches über diese Komponistin gewählt. Das Buch versucht, das Wesen von Fanny zu ergründen und in ihrem Lebenslauf darzustellen. Dass das Leben von Fanny Hensel-Mendelssohn es wert ist, für gesellschaftlich und musikalisch interessierte Leser aufgeschrieben zu werden, ergibt sich sehr schnell. Als Frau durfte sie ja nicht Berufsmusikerin werden. Die Eltern, der Bankier Abraham Mendelssohn und seine Ehefrau Lea, geb. Salomon, erlaubten ihr außerdem erst in den 1840er Jahren, einige ihrer Werke zu veröffentlichen. Der Vater meinte, sie solle "in der Familie bleiben, nicht nach außen treten" , die Mutter äußerte, sie müsse sich zum "eigentlichen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden".

Verheiratet war sie seit 1829 mit dem kgl. preußischen Hofmaler Wilhelm Hensel, der von ihrer Familie kaum akzeptiert wurde, weil er "nicht sonderlich begütert" ist, wie Fannys Mutter meinte. Demnach ein schwieriges Frauenleben, in dem aus gesellschaftlicher Konvention ihre individuelle Genialität fast völlig unterdrückt wurde.

"Bachsche Fugenfinger"

Umso höher ist es dem Pianisten Christoph Soldan anzurechnen, dass er den etlichen Musikinteressierten am Donnerstag im Saal des Oberpfälzer Künstlerhauses das Leben und Werk dieser künstlerisch bis heute unterschätzten Frau nahebrachte. Um die Lebenswelt dieser Frau zu begreifen, las Soldan Episoden aus Härtlings Buch vor. So wird das Lob der Familie, Fanny habe "bachsche Fugenfinger", weil sie sehr gerne Werke von Bach spielte und diese unnachahmlich gestalten konnte, verständlich. Ihre Werke sind Neuentdeckungen und stellen sich in der tonalen Gestaltung zuweilen komplizierter dar als die melodieerfüllten Stücke ihres Bruders.

Das wird deutlich in dem Klavierzyklus "Das Jahr. Zwölf Charakterstücke für das Forte-Piano", der erst 1986 gedruckt wurde. Das Studienjahr in Rom 1839/40 war vielleicht ihre glücklichste Zeit, weil sie dort mit ihrer Familie - Mann und kleinem Sohn - ohne Bevormundung leben konnte. Der 1841 entstandene Zyklus stellt nun die unermesslich vielen Eindrücke, die ihr Rom vermittelt hatten, musikalisch dar.

Weit gefächert

Christoph Soldan vermochte es, die harmonisch weit gefächerten, in der Melodiegestaltung sehr vielseitig variierenden Tonkaskaden in der aufgeregten musikalischen Darstellung zu interpretieren, die dieser Musik gerecht wird. Natürlich sind das keine Etüden, sondern ausgeprägte Charakterstücke.

Fast jeder Monat hat ein eigenes Motto und wenn nicht, haben alle zwölf einleitende Aussagen, welche die Stimmung und damit die denkbare Spielart verdeutlichen. So bildet der Januar mit dem Untertitel "Ein Traum" den Kontrast zum Februar, der als "Scherzo.Presto" verspricht: "Ein heiter Fest erwartet Euch". Der November klagt "Es fliehen die Träume des Lebens davon", der Dezember schließlich enthält den tröstlichen Choral "Vom Himmel hoch, da komm ich her", der im "Nachspiel" vom Choral "Das alte Jahr vergangen ist" ergänzt wird. Christoph Soldan gab den Stücken ihr eigenes Gepräge. Die Kunstfertigkeit der Erfindung ergriff ebenso wie die pianistische Vehemenz des Vortragenden. Alles in allem also eine musikalische Neuentdeckung in überzeugender Gestaltung.
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