Familiendrama endet vor der Strafrichterin - Persönlichkeitsstörung spielt eine Rolle
Eigene Tochter übel misshandelt

Lokales
Schwandorf
28.01.2015
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Sie griff völlig unvermittelt an. Die damals 77 Jahre alte Täterin attackierte ebenso grundlos wie brutal ihre eigene Tochter, schlug ihr den Absatz eines Schuhs auf den Kopf, würgte und trat das Opfer. Jetzt warf die Staatsanwaltschaft der Rentnerin bei einem Prozess vor dem Amtsgericht gefährliche Körperverletzung vor.

Für dieses Verfahren gibt es in den letzten Jahren kein vergleichbares Beispiel. Es fiel auch nach Ansicht von Staatsanwalt Tobias Kinzler und Verteidiger Wilhelm Wartha völlig aus dem Rahmen und formte sich, wie die Richterin Petra Froschauer in ihrer Urteilsbegründung unterstrich, "zu einem Familiendrama."

Die beiden verwitweten Frauen leben auch heute noch in einem Schwandorfer Vorort unter einem Dach. Das einst der Mutter gehörende Haus bekam die Tochter vor Jahren schon überschrieben. Irgendwann bahnte sich zwischen beiden eine leichte Krise an. Doch für das, was an einem Sommerabend 2013 geschah, gab es keinerlei Vorwarnung. Der rabiate Übergriff ging ansatzlos vonstatten.

Die damals 54 Jahre alte Tochter hatte am Morgen Putzarbeiten im Haus verrichtet, weil ihre Mutter das aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst tun konnte. Der seinerzeit 77-Jährigen schien das nicht zu passen. Sie warf den Wassereimer um. Die Tochter sagte nichts. Sie verließ das Anwesen und kehrte erst am Abend zurück. Kaum war sie wieder da, kam es gegen 22.30 Uhr zu einer völlig unerwarteten Attacke. Die 77-Jährige rastete plötzlich aus, griff ihre Tochter mit einem Schuh an und drosch ihr dessen fünf Zentimeter hohen Absatz wuchtig auf den Kopf. Die völlig überraschte Frau ging zu Boden, flog zwei Stufen über eine Treppe hinab, wurde mit Füßen getreten und mit Händen gewürgt. Dabei erlitt sie erhebliche Verletzungen.

Am Ende eine Geldstrafe

Als die Polizei davon erfuhr, kamen Ermittlungen in Gang. Sie führten danach zu einer ersten Gerichtsverhandlung. Das Verfahren wurde dann allerdings abgebrochen. Der Grund: Die Justiz brauchte ein psychiatrisches Gutachten. Denn das Benehmen und die Vorgehensweise der Rentnerin warfen Fragen auf. Jetzt wurde erneut verhandelt. Die heuer 79 Jahre alt werdende Beschuldigte legte ein Geständnis ab: "Es war so, wie es in der Anklageschrift steht".

Ihrer Tochter wäre zwar ein Aussageverweigerungsrecht zugestanden, doch die offenbar tief getroffene Frau wollte reden. Sie schilderte sehr präzise den Ablauf des Angriffs. Dabei verdeutlichte sich: Auf sie wurde rücksichtslos eingeschlagen und -getreten. Ein Arzt stellte später Prellungen, Abschürfungen und Würgemale am Hals fest.

War die Angeklagte im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte? "Es liegt eine Persönlichkeitsstörung vor", attestierte die Psychiaterin Dr. Anna Wunder-Lippert. Daraus schloss die Fachärztin auf eingeschränkte Steuerungsfähigkeit. Diese Fakten spielten im Plädoyer von Staatsanwalt Tobias Kinzler eine Rolle. Er hatte sich zuvor dem Wunsch des Verteidigers auf eine Verfahrenseinstellung klar widersetzt, sprach von einer massiven Straftat. Kinzler plädierte für eine Geldstrafe in Höhe von 6000 Euro wegen gefährlicher Körperverletzung.

Dieser Forderung trat Verteidiger Wilhelm Wartha nur bedingt entgegen. Auch er hielt den Sachverhalt für erwiesen, wollte allerdings eine niedrigere Geldstrafe verhängt wissen. Richterin Froschauer verurteilte die Rentnerin zur Zahlung von 4800 Euro. "Was will man da sagen?", zeigte sie sich in ihrer Begründung fassungslos und fügte hinzu: "Im Regelfall freut sich in einer Familie jeder, wenn der andere heimkommt". Während des Prozesses hatte sich die Angeklagte zu einer Entschuldigung bei ihrer Tochter durchgerungen.
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