Gefährliche Körperverletzung nicht nachzuweisen: Angeklagte bekommt Freispruch
Nebulöse Rolle einer Zigarette

Lokales
Schwandorf
01.12.2015
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Die Richterin borgte sich aus dem Zuhörerraum eine Zigarette aus. Sie brauchte den Glimmstängel, um anschaulich Beweis darüber erheben zu können, wie jemand von einer Rechtshänderin damit eine Brandwunde über der linken Augenbraue zugefügt bekommen konnte.

Die Juristin Petra Froschauer ist bekannt dafür, dass sie es sehr genau wissen will. Deshalb geschah Ungewöhnliches bei einer von ihr geführten Verhandlung beim Amtsgericht. Sie blickte in die Runde, forschte nach einem Raucher und bekam von jemandem, der auf den Zuhörerbänken saß, die erwünschte Zigarette. Mit dem weißen Tabakstäbchen konnte dann ein Versuch gestartet werden, für den sich Staatsanwalt Stefan Schneider als "Opfer" zur Verfügung stellte. Dabei lautete die Frage: War es vom Bewegungsablauf her möglich, dass eine 22-Jährige, die auf der Anklagebank saß, einer 17 Jahre alten Kontrahentin aus einer Personengruppe heraus die Zigarette (damals glimmend, jetzt natürlich nicht) in Richtung Gesicht stieß?

Das Experiment endete ohne letztliche Gewissheit. Die Beschuldigte, in der Nacht zum zweiten Weihnachtsfeiertag letzten Jahres vor einer Bar im südöstlichen Kreis Schwandorf stehend, verneinte vehement, eine Zigarette als Waffe eingesetzt und damit eine gefährliche Körperverletzung begangen zu haben.

Die Frau erinnerte sich, dass es vor dem Lokal eine verbale Auseinandersetzung mit einer 17-Jährigen aus dem Kreis Cham gegeben habe. Dabei, so ließ sie anklingen, sei ihr aus nichtigem Grund der Inhalt eines Sektglases entgegen geschüttet worden. Und dann: "Ich habe sie mit beiden Händen zurückgeschoben." Mehr nicht. Eine Brandverletzung per Zigarettenglut? "Ich hatte keine angezündet", hieß es.

Woher kam die Verletzung?

Die 17-Jährige beschrieb die Situation ganz anders. Ihre Lagedarstellung: Nach kurzem Disput vor der Bar mit zwei Händen links und rechts an den Wangen hart angefasst, dann mit der Glut einer Zigarette oberhalb des linken Auges gebrannt. "Geschah das Ihrer Meinung nach absichtlich?", wollte die Richterin wissen. Sie bekam eine bejahende Antwort. Schmerzen? "Zwei Wochen lang". Eine Narbe? "Keine." Arzt aufgesucht? "Nein."

Es gab Zeugen. Doch wie das mitunter so ist: Jeder hatte die Begebenheit in anderer Erinnerung. Zum Beispiel eine 23-Jährige, die damals zusah und wusste: "Außer einem Schubser mit beiden Händen ist nichts gewesen."

Dann kam ein 20-Jähriger, der sich schlichtend zwischen beide junge Frauen gestellt haben wollte. Da habe die Angeklagte um ihn "herumgegriffen und etwas gemacht." Mit einer brennenden Zigarette? Das wusste der Mann zwar nicht. Aber später habe er im Lokal eine Verletzung oberhalb des linken Auges bei der 17-Jährigen gesehen.

Alles widersprüchlich und nebulös. Nichts, woran die Richterin wirklich ein Urteil hätte festmachen können. Und so entschied sie nach gut zwei Stunden auf Freispruch. Denn ein genauer Tatablauf, wenn es ihn denn wirklich gab, habe nicht geklärt werden können, befand Petra Froschauer.
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