Katastrophe für Kind und Eltern

Lokales
Schwandorf
21.11.2015
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Leon H. ist tot. Er wurde nur sieben Jahre alt und war von seiner ersten Lebensstunde an schwerstbehindert. Schon vor seinem Ableben war beim Amberger Landgericht ein Prozess mit der Frage angelaufen: Musste der Junge leiden, weil bei der Geburt Fehler passierten?

Es geht um 1,85 Millionen Euro. Diese Summe hat der Weidener Rechtsanwalt Dr. Burkhard Schulze vor der Zweiten Zivilkammer eingeklagt. Seit über zwei Jahren wird verhandelt. Damals war Leon H., dessen Eltern im Raum Regensburg wohnen, ein Pflegefall. Heuer im August ist der ständig auf Hilfe angewiesene Bub gestorben.

Leon wiederbelebt

Die Mutter kam an Ostern 2008 in ein Krankenhaus im Kreis Schwandorf. Was dann geschah, wurde mehrfach berichtet: Obwohl eine Risikogeburt zu befürchten war, nahm man sie auf. Noch etliche Tage vom eigentlichen Termin entfernt, wurde offenbar durch einen "Wehencocktail" die Geburt eingeleitet. Als sie begann, kam es zum Abfall gemessener Herztöne. Nicht lange darauf gab es eine Uterus-Ruptur (Gebärmutterriss). Hebamme und Belegarzt waren außer Haus und erschienen erst, als die Geburt voll im Gange war. Leon musste wiederbelebt werden.

Gutachten mit 49 Seiten

Das gelang. Aber es waren irreparable Hirnschäden entstanden. Schon im Vorfeld des von Rechtsanwalt Schulze gegen den gynäkologischen Belegarzt, die Hebamme und das Krankenhaus angestrengten Zivilverfahrens hatte es eine Reihe ärztlicher Fachgutachten gegeben. Tenor dabei: "Fehler und Versäumnisse bei der Geburt." Die Zivilkammer ließ die privat eingeholten Expertenmeinungen nicht gelten und machte sich selber auf die Suche nach einem Gutachter. Das war schwierig. Schließlich übernahm der renommierte Geburtshelfer und Chefarzt Professor Dr. Andreas Müller aus Karlsruhe den Auftrag. Er befasste sich lange mit den Unterlagen, schrieb 49 Seiten.

Nun stellte sich Müller drei Stunden den Fragen des Gerichts und der vier ins Verfahren einbezogenen Anwälte. Dabei offenbarte sich: Es lief wohl vieles schief bei der Geburt von Leon. Von dem Moment an, als die Mutter ins Krankenhaus kam. In seinem Gutachten zählte Professor Müller auf: Die Frau sei angesichts eines bereits früher vorgenommenen Kaiserschnitts nicht genügend aufgeklärt worden, man habe die Überweisung an eine Klinik mit höherer Versorgungsstufe unterlassen, auf pathologische Befunde nicht reagiert. Schlimmer noch.

Lückenhaft überwacht

"Unzureichende lückenhafte Überwachung durch die Hebamme und deren Verlassen des Krankenhauses zum Zeitpunkt der beginnenden Geburt" wird bemängelt. Außerdem sei der Baby-Notarzt aus einem benachbarten Klinikum zu spät alarmiert und die sogenannte "Not-Sectio" zu spät eingeleitet worden. "Nicht nachvollziehbar, warum notwendige Schritte unterlassen bzw. zu spät initiiert wurden", heißt es ferner in Müllers Beurteilung.

Neben der Hebamme war auch der gynäkologische Belegarzt abwesend. Hätte er vor Ort sein müssen? Nicht unbedingt, erfuhr jetzt der Vorsitzende der Zivilkammer Dr. Stefan Täschner. Dann aber zumindest ein Assistenzarzt. Den gab es wohl. Aber keinen aus der Gynäkologie. Der verantwortliche Belegarzt war offenbar daheim beim Mittagessen, die Hebamme kaufte gerade ein. Beide kamen nach telefonischer Verständigung durch eine Krankenschwester. Doch da war das Unheil bereits geschehen.

In der Zusammenfassung des Gutachtens steht dieser Satz: "Insgesamt sind eine Reihe von Fehlern gemacht worden." Sie griffen fatal ineinander, führten zur Katastrophe für das Kind und dessen Familie. Noch zu Lebzeiten des kleinen Leon hatte Anwalt Schulze einen Betrag für Pflege und Schmerzensgeld in zunächst nicht genau feststellbarer Millionenhöhe von den Beklagten verlangt. Nun, nach Leons Tod, hat er alles zusammenaddiert und kommt auf 1,85 Millionen Euro für Pflegekosten und Schmerzensgeld.

Entscheidung am 27. Januar

"Meine Mandanten sind nicht geldgierig", machte Anwalt Schulze am Rande des Prozesses für die Eltern des verstorbenen Leon geltend. "Doch sie wollen jetzt nicht nachgeben. Denn dann würde für sie das unerträgliche Gefühl entstehen, dass die Beklagten mit dem vorzeitigen Tod Leons noch belohnt würden." Bis 18. Januar haben die Anwälte Zeit, schriftlich auf das Gutachten zu reagieren. Am 27. Januar will das Gericht eine Entscheidung verkünden. Allerdings kein Urteil. Die Zivilkammer gibt das weitere prozessuale Vorgehen bekannt. (Hintergrund)
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