Keine religiöse Rechthaberei

Eva Bräuer (KEB, Zweite von links) und Dr. Reinhard Böttcher (rechts) bereiteten die interreligiöse Begegnung mit Hülya Ertürk, Thomas Senft, Arne Langbein und Wilhelm Unger (von links) vor. Bild: rid
Lokales
Schwandorf
01.03.2015
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Von Verständnis und Wertschätzung sollte der Umgang mit Andersgläubigen geprägt sein. Ein erster Schritt dazu war am Freitag die interreligiöse Begegnung. Weitere Schritte werden folgen.

Es gehe um gegenseitiges Verstehen und um Wertschätzung, erklärte Dr. Reinhard Böttcher, und nicht darum, "welche Religion Recht hat". Der Bildungsreferent der protestantischen Kirche moderierte am Freitag im evangelischen Pfarrzentrum eine "interreligiöse Begegnung", bei der Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche, der mennonitischen Glaubensgemeinschaft und des Islam Gelegenheit bekamen, ihre Riten und Glaubensvorstellungen darzulegen.

Ist ein neuer Erdenbürger geboren, wird er auch gleich in die Gemeinschaft aufgenommen. Mit der Taufe (katholisch, evangelisch), einer Segensfeier (Mennoniten) oder einem Geburtsruf (Islam). Die Geistlichen Arne Langbein (evangelisch) und Thomas Senft (katholisch) betonten die besondere Gnade und den Heilswert der Taufe und die enge Bindung an Jesus Christus. Die Muslime dagegen flüstern dem Säugling ins Ohr: "Es gibt keinen Gott außer Allah". Die Beschneidung der Jungen finde im Koran keine Erwähnung, sondern sei ein islamisches Ritual, betonte Religionslehrerin Hülya Ertürk. Die Mennoniten verbinden dagegen keinen besonderen Brauch mit der Segensfeier für Neugeborene. "Wir freuen uns über den Menschen, der geboren wurde, und nehmen ihn in die Gemeinschaft auf", erklärte Pastor Wilhelm Unger.

Mit der Kommunion, der Firmung (katholisch), der Konfirmation (evangelisch), der Jungschar (mennonitisch) und der "partnerschaftlichen Begleitung" (muslimisch) rammen alle vier Religionsgemeinschaften weitere Pflöcke ein, um die Kinder und Jugendlichen stärker an die Gemeinschaft zu binden. "Beratende Gespräche" sollen bei den Muslimen verhindern, so Hülya Ertürk, "dass der Jugendliche auf die schiefe Bahn gerät". Die christlichen Kirchen wollen dem heranwachsenden Nachwuchs bei Firmung und Konfirmation die Bedeutung der Taufe bewusst machen. Arne Langbein und Thomas Senft verhehlten allerdings nicht, "dass die Freude über die Geschenke die religiöse Intention in den Hintergrund drängt".

Ehe kann scheitern

Dritte Station der interreligiösen Begegnung: Partnerschaft und Ehe. Arne Langbein machte deutlich: "Eine Ehe kann scheitern". Und es müsse möglich sein, "dass Gott ein zweites Mal seinen Segen gibt". Die katholische Kirche bleibt hier unnachgiebig. "Die Ehe ist ein Sakrament und unauflöslich", erklärte Pfarrer Thomas Senft. Der Geistliche kennt aber auch die Folgen der Säkularisierung. In den 1950er Jahren seien in der Pfarrei Herz-Jesu im Schnitt jährlich 50 Paare kirchlich getraut worden, im vergangenen Jahr dagegen nur ein einziges. Ein Drittel der Verheirateten seiner Pfarrei sei heute kirchlich getraut, ein Drittel nur standesamtlich, und der Rest lebe ohne Trauschein zusammen.

Zwangsehe verboten

Hohen Stellenwert haben Hochzeit und Familie für die Muslime, "denn die Paare stehen unter dem besonderen Schutz der Gemeinschaft". Hülya Ertürk musste zugeben, dass die Zwangsehe im Islam immer noch weit verbreitet sei, obwohl sie der Koran verbiete. In unterschiedlichen Ritualen werden die Mitglieder der Glaubensgemeinschaften nach dem Ableben zu Grabe getragen.

"Wir vertrauen den Verstorbenen der Liebe Gottes an", gab Arne Langbein zu verstehen. Die Mennoniten versammeln sich um den Sarg und erzählen, was sie mit dem Verstorbenen verband und welche Erinnerungen sie an ihn haben. In der katholischen Kirche gibt es die Rituale Krankensalbung, die Aussegnung, Requiem und Beerdigung und im Nachgang die Messintentionen. Bei den Muslimen wird der Tote in "jungfräulicher Erde" begraben. Im Schwandorfer Waldfried gebe es zwar einen abgegrenzten Bereich für muslimische Bestattungen, "doch die meisten wollen in der Muttererde ihrer Heimat begraben werden", so Hülya Ertürk. Ob dem Verstorbenen nun das Fegefeuer, die Hölle oder das Paradies erwartet, dazu gibt es die unterschiedlichsten Vorstellungen.

Mobbing wegen Kopftuch

Für den evangelischen Kirchenrat Gerhard Gohlke stellt sich die Frage: "Wie gehen die Religionsgemeinschaften mit dem gesellschaftlichen Wandel um?" Er schlug die Schaffung interreligiöser Begegnungstage in den Schulen vor. Hülya Ertürk ist auch dafür, "denn für uns ist es schwer, in einem nichtmuslimischen Land zu leben". Mädchen mit Kopftüchern würden in der Schule nach wie vor gemobbt.
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