"Kunst und Philosophie": Dr. Helmut Hein erklärt im Künstlerhaus seine Vorstellung von "wilder" ...
Besser unkonventionell als brav und bieder

Lokales
Schwandorf
21.03.2015
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"Wilde Kunst" - was er darunter versteht, erläuterte Dr. Helmut Hein bei einem Vortrag im Saal des Oberpfälzer Künstlerhauses. Die Anwesenden erfuhren interessante Aspekte kunstgeschichtlicher Entwicklungen. Schon im Altertum gab es nach Ansicht der Kulturnationen die Barbaren - also Menschen, die unverständlich redeten, sich eigenartig kleideten und seltsam benahmen. Sie konnten sich nicht in eine Gesellschaft einfügen.

In Gesellschaften der Antike und im Mittelalter gab es die Kultur der "hochgestellten", die die Verhältnisse stabilisierte und die Kultur der Angehörigen des Volkes, die nicht zu den Etablierten gehörten. Deren Methode war es oft, eine eigene Subkultur zu entwickeln. Kunst war durchaus auch zu verstehen als Schaffen gegen das Establishment. Es gab eben zwei Arten von Kunst, einmal die akzeptierte wie beispielsweise von El Greco, zum andern die wenig anerkannte von Hieronymus Bosch und anderen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Avantgarden und Sezessionen.

Deren Mitglieder fanden in "normalen" Akademien keinen Platz für ihre Ideen und bildeten deshalb alternative Gruppierungen. Bewusst wurden Standards, Normen und Autoritäten negiert. Man nennt dieses Jahrhundert das bürgerliche, was bedeutet, dass die Künste kaum noch von den Fürstenhöfen abhängig waren. Die bürgerlichen Freiheiten erstreckten sich wenig auf politische Mitbestimmung, die Künste allerdings boten die Möglichkeit, eigene Ansichten zu vertreten.

So kam es zu Grenzüberschreitungen in immer größerem Umfang. Dr. Hein benannte als Beispiel Paris, in der Künstler und andere am Rand der Gesellschaft lebten, aber nun in dieser Zeit in Opern zu Hauptfiguren wurden. So geschehen in "Carmen" von Bizet, "La Boheme" von Puccini oder "La Traviata" von Verdi. Oper war damals die Leitkunst für neue Sichtweisen, die sich durchaus gegen gültige Normen wandten. Veränderungen in der Bildenden Kunst begannen schon wesentlich früher. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde die Zentralperspektive entdeckt. Damit sollte die Realität wirklich real dargestellt werden. "Wildheit" ist in diesem Zusammenhang eine Abkehr von dieser Realität. Dazu gehört die Behandlung der Farben im Impressionismus, die auf individuellen Wahrnehmungen beruht. Die Entwicklung der Kunst laufe immer darauf hinaus, dass etwas anfänglich nicht anerkannt wurde, dann aber allmählich das Denken der Menschen erweiterte und letztendlich in die Sehens- und Denkweise integriert wurde.

Das betrifft Bildende Kunst, Musik und Literatur gleichermaßen. So traten Surrealisten als Kritiker des normalen Lebens auf und stellten Träume, das Unbewusste, also das Gegenteil des normalen Lebens dar. In dieser Wildheit berührten sie das eigene Ich des Betrachters, Lesers, Hörers. Und diese höchste Norm für ein Kunstwerk ist die eigentliche Aufgabe von Kunst in einer freien Gesellschaft, wie Dr. Helmut Hein völlig zu Recht meinte.
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