Lesung in der Stadtbibliothek zum Gedenken an die Bombennacht vor 70 Jahren in Schwandorf
Erst Bomben, dann endlich Versöhnung

Professor Dietmar Süß referierte in der Stadtbibliothek zum Luftkrieg und seinen Auswirkungen. Bild: tie
Lokales
Schwandorf
23.04.2015
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Dietmar Süß, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg, ist ein persönlicher Bekannter von Alfred Wolfsteiner, dem Bibliothekar der Stadtbibliothek. Süß hat das hochinteressante Fachbuch "Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England" geschrieben. So lag es nahe und war eine gute Idee, ihn zum Gedenken an die Bombennacht vor 70 Jahren in der Schwandorfer Stadtbibliothek sprechen zu lassen.

Süß referierte interessante Gegebenheiten, dann kam er mit den etlichen Anwesenden ins Gespräch. Er erwähnte den Autor Jörg Friedrich, der in den 90er-Jahren das erste umfassende Werk über den Luftkrieg unter dem Titel "Der Brand" geschrieben hatte. Damit endete auch ein Tabu der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die öffentliche Wahrnehmung wurde radikal verändert. Zwar hätten schon bald nach Kriegsende Gedenkveranstaltungen stattgefunden. Die "Wiedergeburt" vieler deutscher Städte wurde aber lange nur regional gefeiert.

Nicht mehr patriotisch

Dann hat die Friedensbewegung diese "Parabel der Schrecken des Krieges" herangezogen, um insgesamt den Krieg als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" endgültig abzulehnen. Vom Überleben der betroffenen Generation ausgehend, dachte man weiter zu den Möglichkeiten, Kriege und deren Schäden in Zukunft von vorneherein zu vermeiden. War die Zerstörung Dresdens noch von Joseph Goebbels als Propaganda genutzt worden, machte die SED Dresden zum Symbol für westlichen Imperialismus. So manche Herrschenden benutzten also Luftkriegsereignisse für ihre Ideologien. Erst danach setzte sich allmählich die Meinung durch, dass Krieg an sich immer mit schlimmen Schicksalen verknüpft ist.

Anders als nach dem 1. Weltkrieg wurde Sterben für die Nation nicht mehr mit patriotischer Emphase überhöht und als sinnstiftender Akt für die nachfolgende Generation gedeutet. Kann eine sinnvolle militärische Operation menschliche Opfer rechtfertigen? Gemäß Dietmar Süß fanden in der letzten Phase des 2. Weltkrieges deshalb so viele Bombardierungen statt, weil man hoffte, dann eigene Leute infolge gefahrloserem Vormarsch am Leben zu erhalten. Das Leben des Feindes zählte nicht - das gilt bis heute so. Und so wie in Schwandorf am 17. April 1945 auch Frauen und Kinder den Tod erlitten, sterben heute bei Luftangriffen im Jemen auch Unschuldige.

Erst nach und nach

Der Begriff der Versöhnung wirkte erst nach und nach auf die ehemaligen Weltkriegsgegner ein. Ist in Europa die Gefahr von Kriegen geringer geworden, sind in anderen Gegenden diese Auseinandersetzungen nach wie vor gang und gäbe. Schlimm genug, dass immer noch Waffengänge bevorzugt werden statt Kompromisse anzustreben, die sogar zur Versöhnung führen könnten.
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