"Mir wird es zum Ekel"

Anna und Albert Pirtsch
Lokales
Schwandorf
15.11.2014
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Nicht ein Hauch von Kriegsbegeisterung schwingt in diesen Aufzeichnungen mit. Albert Pirtsch schreibt bereits am 18. August 1915 "wenn nur dieser unselige Krieg bald sein Ende erreichen würde". Zu diesem Zeitpunkt ist der 27-Jährige noch keine Stunde an der Front.

Das sogenannte "Augusterlebnis" hat den Schwandorfer Magistrats-Offizianten nicht euphorisiert. Vielmehr lautet der zweite Satz seiner Aufzeichnungen "Meine Militärzeit sowie Selbsterlebtes im Felde während des Weltkriegs 1914/1918": "Auch ich glaubte niemals vom Militär belästigt zu werden, allein das Schicksal wollte es anders." In seinen Vorbetrachtungen gibt er natürlich die herrschende Meinung wieder, Deutschland träfe keine Schuld am Ausbruch des Krieges "und es schien, als sollte das Deutschtum vom Erdboden verschwinden".

Pirtsch muss sein Tagebuch nicht etwa heimlich führen, Verbotenes zu tun, dafür wäre er wohl gar nicht der Typ gewesen. Es ist vielmehr von oben gewünscht, Erlebnisse und Gedanken niederzuschreiben. So werden in einer Verfügung des Burglengenfelder Landrats 1916 Soldaten und Angehörige sogar aufgefordert, auf die Sammlungen von Feldpostbriefen und Aufzeichnungen besonders zu achten. Sie "enthalten vielfach wertvolles Material für die spätere kriegsgeschichtliche Forschung". Der spätere Stadtkämmerer befolgt dies. Er beschreibt den Kriegsalltag detailgenau, listet den Tagesablauf mit Uhrzeiten penibel auf, ebenso die Wetterverhältnisse, schreibt, was es zu essen gibt, ob ihm die Landschaft und die Mädchen gefallen. Buchhalter Pirtsch ist zu Kriegsbeginn vermutlich nicht unglücklich, dass ihn die Stadt Schwandorf dringend braucht, weil "die Stadtkämmerei als solche aufgelöst" werden müsste. Am 2. Mai 1915 gibt es dann keinen Aufschub mehr, Pirtsch rückt beim 1. Ersatz-Bataillon 19. Infanterie-Regiment Rekruten-Depot 1 ein. Die Ausbildung, hauptsächlich in Amberg und der Region, gefällt ihm nicht ("Mir wird es zum Ekel"). Er vertraut seinem Tagebuch allerdings an, "aber trotzdem waren es im Verhältnisse zu den Tagen, welche man draußen im Felde verbrachte, noch schöne Zeiten".

Auch im Feld hat Pirtsch Glück. Er kommt nach weiteren Beurlaubungen und Unabkömmlichkeiten Ende Juli 1916 ins Elsass. Zu diesem Zeitpunkt sind zwei seiner Brüder bereits tot. Das Elsass war kein Hauptkriegsschauplatz. Auf starke Kampfhandlungen folgte eine starre Westfront mit Schützengräben und Stellungskämpfen. So vertreiben sich die Soldaten unter anderem am 27. August 1916 die Zeit mit einer gefangenen Maus, die sie in einer Kartonschachtel halten. In dieser vergleichsweise ruhigen Gegend diente auch Adolf Hitler, der Jahre später Millionen in den Tod schicken wird. Ihn hat Pirtsch nicht gesehen, wohl aber Kaiser Wilhelm II. am 21. Juni 1917. "Bei der Abfahrt des Kaisers im Auto schrie alles statt Hurra - Hunger."

In das grausamere Antlitz des Krieges blickt Pirtsch in Rumänien. Im Herbst/Winter 1916 nimmt er an zwei größeren Gefechten teil. Nicht nur der Gegner, Rumänen und Russen, setzt den Soldaten zu, sie frieren, leiden an Durchfall, sind durchnässt und ausgehungert ("Wieder kein Brot erhalten", "auch gab es nichts zu essen," , "konnte fast nicht schlafen, da mich scheußlich in die Füße fror") . Zynisch klingt der Satz: "Blieben den ganzen Tag hier ohne Verpflegung, dafür aber als Ersatz gab es zeitenweise Schrapnellfeuer." Am 22. November berichtet er von einer Gehorsamsverweigerung. Für Pirtsch wendet sich das Kriegsblatt an Silvester 1916. Er wird zum Ersatztruppenteil versetzt, weil die Familie bereits zwei Söhne verloren hat.

Malaria führt zum Abzug

Der Krieg ist aber noch nicht aus - auch für Pirtsch nicht. Im Mai 1917 wird er wieder an die Westfront abkommandiert. Eine Malariaerkrankung führt zu seinem erneuten Abzug. Am 9. November 1917 brechen die Aufzeichnungen ab. Zweck hat Pirtsch' Werdegang bis Kriegsende in Grundzügen nachvollzogen. Ende 1917 kommt Pirtsch zurück an die Westfront, kämpft in zwei Schlachten und erhält am 5. Januar 1918 das Eiserne Kreuz II. Klasse. Wieder erkrankt er, bleibt bis November 1918 in der Armee, aber der Front fern. "Gern vielleicht", mutmaßt Zweck. (Hintergrund)
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