Mit Zahnstocher auf der Pirsch

Ein gut gelaunter Harald Martenstein las am Freitag vor 90 Zuhörern in der Buchhandlung Rupprecht. Bild: rid
Lokales
Schwandorf
20.01.2015
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Für jede Macke ein Krankheitsbild, dafür ein Medikament. Eine Steilvorlage für Satiriker wie Harald Martenstein. Noch dazu, wenn er selbst mit der "Seuche der Prokrastination infiziert ist".

"Mit Harald Martenstein haben wir ein echtes Schwergewicht unter den Autoren gewinnen können", freute sich Maria Rupprecht bei der Begrüßung des Berliner Journalisten am Freitag in ihrer Buchhandlung. Der Redakteur beim "Tagesspiegel" hat in seinem Buch "Die neuen Leiden des alten M." über 60 seiner Kolumnen zu einer "Chronik des deutschen Alltags" zusammengefasst und beschreibt in ironisch-witziger Weise die Absurditäten der Gegenwart.

Die "Quote"

Eine Bildungsreform, die die Bildung der Kinder eher verhindere, der Modernisierungswahn, die Analyse-Hysterie und der Hang zur Überbürokratisierung - all dieser Themen nimmt sich Harald Martenstein (62) mit "spitzer Feder" an. Die "Quote" treibe inzwischen solche Blüten, dass neue Straßen in Berlin-Kreuzberg bis zum Gleichstand nur noch mit Frauennamen benannt werden sollen. Der Autor macht sich darüber nicht lustig, sondern nur Gedanken und sieht die Schmähungen seiner Kritiker als "Teil des Berufsrisikos". Harald Martenstein nimmt sich auch selber aufs Korn und outet sich als jemand, der von der Seuche der "Prokrastination" - also der "Bummelei" - infiziert ist. Statt zu schreiben, was er von Berufswegen eigentlich tun sollte, räume er lieber die Küche auf und piekse die Schnecken im Garten mit einem Zahnstocher auf. Worauf es wiederum Proteste der Tierschützer hagle, verbunden mit unzähligen Ratschlägen, der Tiere anderweitig Herr zu werden. Jetzt könnte er ein Buch mit 1000 Tipps zum Schneckentöten schreiben.

Kein Faulpelz

Als ein von der Prokrastination Betroffener drohe ihm bereits die nächste Krankheit, das Messie-Syndrom und damit ein Abrutschen in die neue Schicht des Prekariats. Die Amerikaner bezeichnen die "Erledigungsblockade" Prokrastination inzwischen schon als Studentensyndrom und lassen sich Atteste geben. Nicht zu verwechseln aber mit dem "medizinisch unbedenklichen Faulpelz, der am Morgen einfach liegen bleibt". Ein von der Prokrastination Infizierter stehe dagegen auf und tue irgendetwas.

Die 90 Zuhörer amüsierten sich köstlich über die komisch-absurden Gedanken zur "zwanghaften Aufschieberitis". Im Mittelalter sei der Mensch davon schnell durch Vierteilung geheilt worden, heute helfe die Pharmaindustrie, die für jede Macke ein Krankheitsbild und dazu gleich das passende Medikament liefere.
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