Nachbarschaftsstreit: 75-Jährige wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht - Verfahren ...
Showdown an der Schneeschaufel

Symbolbild: dpa
Lokales
Schwandorf
29.09.2015
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Streit über die Schneeräumpflicht, das ist unter Nachbarn erst einmal nichts Außergewöhnliches. Wenn der Streit allerdings derart eskaliert, dass ein heute 78-Jähriger seiner 75-jährigen Nachbarin die Schneeschaufel so auf den Arm schlägt, dass ein dicker blauer Fleck bleibt, muss einiges aus dem Ruder gelaufen sein. Kurios wird es, wenn sich das 75-jährige Opfer dann wegen unterlassener Hilfeleistung auf der Anklagebank vor Strafrichterin Petra Froschauer wiederfindet.

An Silvester wünschen sich Nachbarn gewöhnlich einen "guten Rutsch", in einem Schwandorfer Wohnviertel wurde es zum Jahreswechsel 2014/15 damit nichts. Die 75-Jährige schippte mit einem Helfer von einem Hausmeisterdienst Schnee, offenbar aber so, dass es dem Nachbarn nicht passte. Der schon jahrelange Zank, dessen Auslöser schon niemand mehr so genau zu kennen scheint, eskalierte.

"Räumst schon wieder auf die Straße", soll der 78-Jährige gerufen haben, ehe er auf die Nachbarin losging und ihr die Schneeschaufel auf den Arm schlug. Der Helfer vom Hausmeisterdienst ging dazwischen, rang den Senior nieder und entriss ihm die Schaufel. Für den Schlag hat der 78-Jährige schon seine strafrechtliche Quittung erhalten, samt 1000 Euro Schmerzensgeld. "Der Anwalt hat gesagt, das muss ich zahlen. Also hab ich gezahlt", sagte der Senior.

Keine Erinnerung

An den Vorfall erinnern kann sich der 78-Jährige nämlich nicht. Denn nach der Rangelei folgte der Vorfall, der am Donnerstag vor dem Amtsgericht verhandelt wurde. Der Senior ging zurück zu seinem Grundstück, ist dabei aus irgendeinem Grund gestürzt, verletzte sich am Kopf und blieb auf der Straße liegen. Eine Passantin entdeckte den Senior, rief um Hilfe. Der alte Herr sei blau angelaufen, berichtete die Zeugin. Sie habe dann die 75-jährige Frau und ihren Helfer direkt angesprochen. Doch die hätten nur den Kopf geschüttelt. "Da war ich erst mal perplex", sagte die Zeugin. Auch die Bitte, zumindest den Notarzt zu rufen, sei ihr ausgeschlagen worden.

"Das ist nicht wahr", sagte der Mann vom Hausmeisterdienst, angesprochen habe ihn niemand. Gleichwohl hat er einen Strafbefehl bezahlt, der ihm mittlerweile ins Haus geflattert ist. Aber nur, weil er die Frist zum Einspruch versäumt habe. So recht glauben wollte ihm das weder Richterin Froschauer noch Staatsanwalt Tobias Kinzler. Der hielt dem Mann viel mehr die Aussage der Passantin vor: "Warum sollte die Frau lügen?" Doch der Helfer blieb bei seiner Version - was ihm möglicherweise noch ein Verfahren wegen Falschaussage einbringt, das der Staatsanwalt zumindest androhte. Und die Angeklagte? Wollte auch nichts mitbekommen haben. Die 75-Jährige bestand darauf, nicht angesprochen worden zu sein.

Dem 78-Jährigen kamen schließlich sein Sohn und seine Ehefrau zu Hilfe, die den Lärm auf der Straße mitbekommen hatten. Sie brachten den Senior in die stabile Seitenlage und riefen die Sanitäter. Der 78-Jährige musste ins Krankenhaus, hatte eine Gehirnerschütterung. So ganz, sagte er vor Gericht, sei aber "der Schädel" noch nicht wieder in Ordnung. Schwindelanfälle würden ihn plagen, wenn er zu schnell aufsteht.

Verteidiger Dr. Bernd Kalsbach wollte zunächst noch die Ehefrau des 78-Jährigen als Zeugin hören, die von ihrem Sohn auch zum Gericht gebracht wurde. Vernommen wurde sie nicht mehr. Der Rechtsanwalt und Staatsanwalt Kinzler nutzten die Pause zu einem Gespräch, an dessen Ende eine Lösung gefunden war: Sie schlugen dem Gericht vor, das Verfahren einzustellen. Richterin Petra Froschauer stimmte zu. Der Strafbefehl, der zunächst ausgestellt worden war, und gegen den die 75-Jährige Einspruch eingelegt hatte, war damit vom Tisch. Auch vor dem Hintergrund, dass die Seniorin zunächst Opfer gewesen ist. Allerdings wurde ein Denkzettel für die Seniorin fällig: Das Gericht legte der 75-Jährigen auf, 500 Euro an das Frauenhaus zu bezahlen. Also genau die Hälfte des Schmerzensgeldes, das sie wegen des Hiebs mit der Schneeschaufel bekommen hatte.

Ein Hoffnungsschimmer

Es tue ihr leid, dass ihr Nachbar verletzt worden sei, ließ die 75-Jährige über ihren Anwalt vortragen. Das war für die Richterin zumindest ein Hoffnungsschimmer, dass der Nachbarschaftsstreit vielleicht doch befriedet werden könnte. "Strecken Sie die Hand zur Verständigung aus", appellierte sie an die Beteiligten. Allerdings: Für Versöhnung zu sorgen, stellte Richterin Froschauer klar, "dazu sind wir hier nicht berufen".
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