Offene Klanglandschaften ohne Grenzen

Perfekte Harmonie zwischen einem Russen und einem Ukrainer: Arkady Shilkloper und Vadim Neselovskyi kennen auch musikalisch keine Grenzen und Scheuklappen. Bild: Reitz
Lokales
Schwandorf
10.10.2015
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"Wir wollen zeigen, dass man auch zusammen etwas machen kann." - Auf der Bühne im Oberpfälzer Künstlerhaus demonstrieren ein Pianist aus der Ukraine und ein Hornist aus Russland perfekte Harmonie.

Der Begriff "Krai" umschreibt sowohl im Russland wie auch in der Ukraine einen Ort, eine Grenze, einen Endpunkt, eine bewahrenswerte Landschaft. "Krai" heißt auch das erste gemeinsame Album von Arkady Shilkloper und Vadim Neselovskyi. Die Musik vermischt ukrainische, russische und jüdische Einflüsse mit zeitgenössischer Musik und Jazz zu einer neuen, einzigartigen Klangwelt voller Überraschungen. Wunderbare Melodien kontrastieren mit unbändigen Klangkaskaden, Pausen und Stille mit donnernden Eruptionen.

Arkady Shilkloper (Jahrgang 1956) gilt wohl weltweit als führender Hornist, sowohl im Bereich der Klassik als auch im Jazz. Viele Jahre spielte er als Hornist im Moskauer Bolschoi-Theater. Berühmt wurde er aber durch das "Moscow Art Trio", das heuer sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Er hat das Waldhorn, aber auch das Alphorn als eigenständige Melodie-Instrumente etabliert. Instrumente, die ansonsten eher ein Schattendasein im Orchester oder in der Volksmusik fristen.

Klang schmeichelt Ohren

Er ist ein Virtuose und gewinnt diesen Instrumenten eine Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit ab, wie man sie bisher nicht gehört hat. Der weiche, samtige Klang schmeichelt den Ohren, Töne werden lang ausgehalten und haben viel Zeit zum Verklingen. Der Resonanzboden des Flügels wird für Echo-Effekte genützt. Überblastechniken, Zirkularatmung, Zungeneffekte oder mehrstimmiges Spiel werden wie selbstverständlich eingebaut und dienen nie als Selbstzweck. Es entstehen Klanglandschaften mit ungeahnten Möglichkeiten und Entwicklungen.

Das Klangspektrum wird gelegentlich durch ein Flügelhorn erweitert, und bei einem Stück verwendet Shilkloper ein neu entwickeltes Instrument: das "Vogelhorn". Der fränkische Instrumentenbauer Robert Vogel sitzt selbst im Publikum. Er hat das traditionelle Alphorn umgebaut. Nun ist es eckig, sieht aus wie ein Saxophon, klingt aber wie ein Alphorn.

Shilklopers Duo-Partner Vadim Neselovskyi ist 21 Jahre jünger. Er besuchte das Konservatorium in Odessa und studierte Jazz am Berklee College of Music. Auch er fühlt sich in allen Bereichen der Musik zu Hause. Melodien aus seiner slawischen Heimat fließen ebenso in sein Spiel, wie Einflüsse von Chopin, Debussy oder John Lewis. 2004 spielte er im Quintett des amerikanischen Vibraphonisten Gary Burton, dem er im Konzert eine Komposition widmet: Aus dem "Prelude for Vibes" wird nun ein Präludium für Horn, eine einschmeichelnde Melodie, umgarnt von perlenden Figuren auf dem Flügel.

Zu einem ganz besonderen Hörgenuss wird das Standard "Autumn Leaves" in einer Neubearbeitung als Piano-Solo. Erst im Verlauf des Stückes kommt das Original zum Vorschein und entwickelt sich in seiner ganzen Schönheit. Originell auch ein Duo mit sich selbst: Während die rechte Hand auf einer Melodica spielt, agiert die linke auf dem Flügel - ein Feuerwerk von atemberaubender Virtuosität. Das Repertoire setzt sich überwiegend aus Eigenkompositionen der beiden Protagonisten zusammen. "Improvisation ist für mich keine Religion", sagt Arkady Shilkloper. "Wichtig ist für mich der dramaturgische Aufbau, der Dialog."

Und so entwickeln sich im Konzert musikalische Zwiegespräche, eine Aura, in die der Zuhörer eingebettet wird und seine Umwelt vergisst. Positiv wirkt sich das angenehme Ambiente im Saal der Villa aus, ein kammermusikalisches Erlebnis der Extraklasse, auf Augenhöhe mit den Künstlern.

Nur wenige Zuhörer

Leider finden diese Konzerte mit zeitgenössischer Musik nur wenige Zuhörer. Darüber kann auch Shilklopers ironische Bemerkung "Je weniger Zuhörer, desto besser die Musik!" nicht hinwegtrösten. "Bei einem Konzert mit dem Moscow-Art-Trio in Spanien hatten wir einmal nur drei Zuhörer - es wurde ein toller Abend!" Bleibt zu hoffen, dass die Reihe "Jazz in der Villa" auch in Zukunft fortgeführt wird. Wo sonst kann man Musik dieser Klasse noch hören?
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