"Reden statt Pillen" als Therapieform bei den Dokufilmtagen präsentiert - Finnland als Vorbild
Psychosen durch Dialog behandeln

Klaus Meierhöfer, Anne Madlene Schleicher und Angela Kreuz (von links) beantworteten nach der Vorführung Fragen. Bild: elo
Lokales
Schwandorf
23.09.2015
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Bei den Schwandorfer Zwickl-Dokumentarfilmtagen wurde am Montag ein Film von Daniel Mackler vorgestellt, der sich mit einer alternativen Behandlungsmethode, dem "Open Dialogue" bei Psychosen beschäftigt.

Es handelt sich um eine Methode, die von einer Gruppe von Psychologen und Psychiatern in den 1980er-Jahren im Norden Finnlands entwickelt wurde. Sie streben an, ihren Patienten möglichst schnell und nur mit einer möglichst geringen Dosis Neuroleptika zuhelfen. Das Team setzte stattdessen darauf, mit dem Klienten und seinem direkten Umfeld zu reden, da Psychosen meist im engen Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehungen stehen.

Auf Augenhöhe

Zu Gast waren nach der Dokumentation Klaus Meierhöfer von der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft und Diplompsychologin Angela Kreuz. Sie hat die Dokumentation aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Sie standen dem Publikum, das leider nur sehr spärlich vertreten war, für Fragen zur Verfügung und sprachen auch darüber, dass es schwierig sei, den Open Dialogue in Deutschland anzuwenden.

Es gab in der Vergangenheit erste Versuche, bei denen sogar ein komplettes Team schon ausgebildet worden war. Das Projekt scheiterte aber an der Finanzierung. Außerdem dauere es lange, ein vorherrschendes System zu ändern, denn ein System sei schwerfällig, so Angela Kreuz.

In diesem offenen Dialog hat jeder Beteiligte ein Mitspracherecht auf Augenhöhe und der Betroffene soll von seiner Familie verstanden werden. Es wird gemeinsam überlegt und das Gesagte wird reflektiert, um zu einer Lösung zu gelangen. Der Dialog findet bei dem Patienten zu Hause statt, so dass er nicht aus seinem sozialem Umfeld gerissen wird. Am Anfang täglich und später werden Termin ausgemacht. Auch besteht die Möglichkeit, dass eine Krankenschwester über Nacht bleibt, um den Betroffenen und seine Familie zu unterstützen. Eine Unterbringung in einer Klinik wird nach Möglichkeit vermieden, solange der Erkrankte sich selbst oder andere nicht gefährdet. Die komplette Behandlung ist für die Patienten kostenlos, da sie staatlich finanziert wird.

Hohe Erfolgsquote

Ein Drittel aller Patienten bekommt überhaupt Neuroleptika. Diese werden nur direkt am Anfang gegeben. Wenn die Möglichkeit besteht, wird auf Schlaftabletten zurück gegriffen. Neuroleptika werden auf eine möglichst kurze Zeitspanne angewendet und in geringer Dosis verabreicht. 85 Prozent aller Klienten sind nach fünf Jahren genesen und können ohne Beeinträchtigungen leben.
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