Schulen spüren Flüchtlingsstrom

Die Bilder im Klassenzimmer haben die Kinder der Übergangsklasse an der Doktor-Eisenbarth-Schule im Unterricht gemalt. Beliebte Motive sind die Häuser der Heimatstadt oder Schiffe - aber auch Schneemann und Deutschlandfahne. Rektor Rudolf Teplitzky (rechts) und Lehrer Markus Kindl freuen sich über die Fortschritte im Deutschunterricht. Bild: Portner
Lokales
Schwandorf
23.01.2015
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187 Flüchtlingskinder besuchen im Landkreis eine Schule, 106 davon in Übergangsklassen. "Das ändert sich laufend", sagt Schulamtsdirektor Georg Kick. Er lobt Rektoren und Lehrer für ihre "Kreativität". An der Doktor-Eisenbarth-Schule in Oberviechtach lernen 15 Kinder Deutsch.

Sie heißen Lydia, Judy oder Hassan, sind 6 bis 14 Jahre alt und kommen aus Syrien, Bulgarien, Serbien, dem Kosovo und Russland. Alle 15 Kinder der Oberviechtacher Übergangsklasse haben das Lesebuch der ersten Klasse vor sich liegen. Einige haben noch nie eine Schule besucht, sprechen fast kein Deutsch. Doch sie lernen schnell: "Der Fasching, die Uhr, der Rock, das Katze." Lehrer Markus Kindl lässt den Stab über die Bildertafel wandern, welche er von zu Hause mitgebracht hat. Den Artikel verbessert er nicht immer.

Schulpflicht

Der Zustrom von Asylbewerbern im Landkreis Schwandorf hält an. Damit steigt fast wöchentlich die Zahl der Kinder an den Grund- und Mittelschulen. "Wir haben ziemlich viele Zugänge", sagt Schulamtsdirektor Kick auf Nachfrage der NT-Lokalredaktion. Flüchtlingskinder haben nicht nur ein Recht auf Bildung, sie sind nach der Registrierung im Einwohnermeldeamt auch schulpflichtig und müssen ihre Sprengelschule besuchen. Laut Kick werde hier individuell reagiert; Zurückstellungen oder der Besuch einer SVE-Einrichtung seien möglich. Seit September 2014 gibt es im Landkreis sieben Übergangsklassen und zwar in Schwandorf, Teublitz, Oberviechtach und Neunburg vorm Wald (siehe Kasten). In Nabburg untergebrachte Flüchtlingskinder fahren nach Schwandorf; die vier Kinder in Pfreimd besuchen die erste Klasse am Ort, ebenso die Kinder in Bruck.

"Es läuft recht gut", sagt der Schulamtsdirektor. Ihm sei aber klar, dass es für die Rektoren und Lehrer nicht immer einfach ist, denn auch die deutschen Kinder dürften nicht vernachlässigt werden. Aufgrund von Krankheitsfällen können die mobilen Reserven nur wenig Unterstützung leisten. "Die Verlage gehen jetzt langsam in Produktion und entwickeln Unterrichtsmaterial", berichtet Kick. Er lobt die Kreativität der Lehrer und ihr Vorgehen in kleinen Schritten, um die Kinder aufzufangen und ihnen Zeit zum Integrieren zu geben.

Kyrillische Schrift

An der Doktor-Eisenbarth-Schule in Oberviechtach sind diese "kleinen Schritte" tägliche Praxis. Hier ist nur eine Übergangsklasse eingerichtet, mit 15 Kindern von der ersten bis zur achten Klasse. Das Buch "Mimi, die Lesemaus" liegt aufgeschlagen auf den Tischen. Reihum wird ein Satz gelesen. Das ist gar nicht so einfach. Die Kinder sind die kyrillische Schrift gewöhnt, sowie das Schreiben und Lesen von rechts nach links.

Markus Kindl hat Geduld - und Erfahrung. Bevor der Vohenstraußer zurück in die Oberpfalz kam, unterrichtete er in Franken und Oberbayern. "In Nürnberg hatten wir 38 Nationalitäten an der Schule!", berichtet der Pädagoge. "Bitte einen ganzen Satz", fordert er ein Mädchen in der ersten Reihe auf, das Spielplatz-Bild näher zu beschreiben. "Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, Deutsch zu sprechen, damit sie sich im Alltag verständigen können". Dazu kommen die Grundrechenarten. Zwei Lehrkräfte unterstützen ab und zu beim Differenzieren. Die Kinder sind wissbegierig. Sie haben Bilder gemalt, die das Klassenzimmer zieren. "Nach der fünften Stunde, sowie auch zu den berufsorientierten Zweigen Soziales, Wirtschaft und Technik sind die Schüler in ihrer jeweiligen Jahrgangsstufe", erklärt Rektor Rudolf Teplitzky und ergänzt: "Handwerklich sind die Jugendlichen fit; am Computer gibt es jedoch Probleme." Beim Ethikunterricht des Rektors sind nur wenige Flüchtlingskinder dabei: "Dazu müssen sie erst gut Deutsch verstehen und lesen können."

Wieder von vorne

In Oberviechtach treffen in diesen Tagen rund 30 neue Asylbewerber ein. Aus verschiedenen Ländern und mit teils traumatischen Erlebnissen. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie die Sprache nicht beherrschen. Wie viele schulpflichtige Kinder dabei sind, ist nicht bekannt. Für Lehrer Markus Kindl bedeutet es aber auf jeden Fall, wieder auf Seite eins im Lesebuch anzufangen und mehr Zeit für Differenzierung einzuplanen.
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