Ukrainischer Bestseller-Autor Andrej Kurkow liest im Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf
Jimi Hendrix live in Fronberg

Kurkow spricht mehrere Fremdsprachen und war schon Redakteur, Gefängniswärter und Kameramann. Seine 18 Romane und sieben Kinderbücher landeten in den europäischen Bestsellerlisten und wurden bereits in 36 Sprachen übersetzt. Er ist Mitglied des prestigeträchtigen englischen PEN-Club. Bild: Otto
Lokales
Schwandorf
18.04.2015
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Andrej Kurkow macht es sich auf seinem Stuhl bequem, an einem filigranen Tischlein. Eine Karaffe Wasser und eine Leselampe machen das Setting perfekt - für eine klassische Lesung unter den dicken Balken des Schwandorfer Künstlerhauses. Wenn da nur nicht der wuchtige Steinway-Flügel stünde, der die Symmetrie des Raumes arg nach rechts kippen lässt.

Aber auch das Instrument ist Bestandteil der kurzweiligen Performance des Ukrainers. "Ich werde zwischen den Leseteilen ein bisschen improvisieren. Aber bitte klatschen Sie nicht, ich bin kein Experte", gibt er dem Publikum mit auf den Weg. Richtig. Primär soll er schließlich sein neuestes Buch vorstellen: "Jimmy Hendrix live in Lemberg".

Tragische Ironie

Schon nach ein paar einleitenden Worten wird klar: Kurkow hat ein Faible für tragische Ironie, Abseitiges, Skurriles, Allzumenschliches. Sein Protagonist Alik Olisewitsch (wie übrigens alle Hauptcharaktere real existierend) ist beispielsweise ein Alt-Hippie. Ein Überbleibsel aus einer Zeit in der Popmusik noch nicht Casting, Recall & Versenkung, sondern Sex, Drugs & Rock 'n' Roll bedeutete. Wild. Und irgendwie verboten. Vor allem hinter dem eisernen Vorhang - in Lemberg.

Um Alik vorzustellen wählte der Autor eine Textpassage, die die Zuhörer auf einen Friedhof im nächtlichen Lemberg der Gegenwart führt. Eine Gruppe von altgewordenen Blumenkindern trifft sich, um den Todestag von Jimi Hendrix zu begehen. Einem Ritus folgend, wie schon seit Jahren. Ein Hippie nach dem anderen drückt eine Schlaftablette in den Boden. Genau da, wo angeblich die rechte Hand des Gitarrenvirtuosen vergraben sein soll.

Während der Zeremonie taucht ein Ex-KGB-Offizier auf, der sich für die weit zurück liegenden Schikanen entschuldigen will. Er bedankt sich außerdem: "Ihr habt mein Leben verändert, als Ihr mir die Welt von Jimi Hendrix erschlossen habt". Er sei überdies dafür verantwortlich, dass Jimis Hand den Weg nach Lemberg fand. Nicht nur einmal verschwimmen so popkultureller Mythos und tatsächliche Zeitgeschichte.

Wahnwitzige Geschichten

Das Buch ist ein Füllhorn solch wahnwitziger Geschichten. Schnell wird aber klar, dass die Menschen des Romans und das, was ihnen widerfährt, nicht allein der Volksbelustigung dienen. Der Ukrainer mit russischen Wurzeln ist nicht umsonst einer der bekanntesten ukrainischen Schriftsteller und internationaler Kolumnist - ein ernsthafter Kommentator der turbulenten politischen Geschehnisse in seinem Land.

Deswegen ist es Kurkow ein Anliegen, den Gästen im Künstlerhaus ein weiteres Buch vorzustellen. Mit "Ukrainisches Tagebuch" verarbeitet er die tumultartigen Vorgänge rund um den Maidan-Platz, von dem er nur fünf Gehminuten entfernt lebt. "Das Tagebuch ist nicht für das Projekt entstanden. Ich führe es seitdem ich Kind bin."
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