Vortrag von Karl Kirch zum ersten Weltkrieg
Brandherde glimmen weiter

Karl Kirch aus Nabburg sprach in einem Vortrag über den Ersten Weltkrieg, der vor hundert Jahren begann. Bild: Dobler
Lokales
Schwandorf
03.11.2014
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Auch nach hundert Jahren gibt es immer wieder neue Perspektiven und Einsichten. So analysierte Karl Kirch den Ersten Weltkrieg und bürstete dabei manche gewohnte Ansicht gegen den Strich.

Der Erste Weltkrieg brachte laut Kirch eine bis dahin nie dagewesene Mobilisierung ganzer Nationen, Ökonomien und Finanzen. Zum ersten Mal waren die europäischen Gesellschaften demographisch und wirtschaftlich in der Lage, Massenheere auszurüsten, zu mobilisieren und für kurze Zeit auch zu versorgen. Neben dem Militär wurde, je länger der Krieg dauerte, die "Heimatfront" (ein neues Wort aus dieser Zeit) entscheidend, also die Wirtschaftskraft eines Landes, die Wissenschaftler, Techniker, die Arbeiter und Arbeiterinnen, ja auch die Frauen und Kinder "kämpften" und litten mit. Die Folge: eine bis dahin völlig unbekannte Dimension von Opferzahlen: Zehn Millionen Soldaten und sechs Millionen Zivilisten.

Keine "Schuldigen" suchen

Nach hundert Jahren könnten die europäischen Historiker laut Kirch vorbehaltloser auf diese "Urkatastrophe" unserer Zeit zurückblicken, "und wir alle können von der nationalen Perspektive zur europäischen übergehen und den Krieg selbst als einen europäischen Bürgerkrieg ansehen". Dieser Bürgerkrieg ging auf das Versagen mehr oder weniger aller Verantwortlichen zurück, betonte der Referent. Es gehe nicht mehr darum, "Schuldige" zu suchen und zu benennen, sondern vielmehr darum, zu sehen, was in der Politik, im Zusammenleben der Europäer alles schief ging, was zu Gewalt und Feindschaft führte und was das weitere friedliche Nebeneinander verunmöglichte und womöglich auch weiterhin noch verhindern könnte.

Es falle auf, dass auch jene Politiker und Generäle, die den Krieg begannen, keine Kriegsbegeisterung verspürten, sondern sehr pessimistisch im Hinblick auf den Kriegsausgang waren und eindeutig Angst davor hatten. Weil niemand den Krieg bewusst gewollt und herbeigeführt hatte, fühlten sich alle beteiligten Nationen als Angegriffene. " So gesehen waren die Protagonisten von 1914 Schlafwandler - wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten", zitierte Kirch aus einem aktuellen Werk.

Kampf ging weiter

Der Erste Weltkrieg ging im November 1918 offiziell zu Ende. "In Wirklichkeit aber ging das Kämpfen im Osten ja weiter - als Bürgerkrieg, als Nationalitätenkampf, als Auseinandersetzung um die neuen Grenzen." Die Verletzungen und Verwundungen blieben und wucherten weiter, Hass und Revanche bestimmten die Politik.

"Die Brandherde wurden nicht gelöscht, die Glut immer wieder neu entflammt - bis auf den heutigen Tag im Irak, in Palästina, in der Ukraine", so Kirch abschließend. Sein Vortrag an der Volkshochschule war ein gemeinschaftliches Angebot von EBW und KEB.
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