"Grüner Haken" für das Elisabethenheim
Wohlfühlfaktor im Fokus

Prüferin Marianne Kies-Baldasty (rechts) befragt die Beiräte Käthe Peterle ...
Politik
Schwandorf
06.10.2016
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... und Johann Baringer. Bilder: Herda

Der Mann ist ein Charmeur. Georg Pfandler, 86, deutet auf die attraktive Mittachtzigerin: "Wir sind zusammen aufgewachsen", freut er sich über den Zufall, dass man sich im Schwandorfer Elisabethenheim wiedersieht. "80 Prozent hier sind Frauen", sagt er verschmitzt, "Ich lüg' sie ein bisschen an, dann sind sie zufrieden."

Die Atmosphäre in dem 180-Betten-Haus mitten in der Altstadt erinnert an einen Kurbetrieb. Die Stimmung bei jenen Bewohnern, die sich noch aktiv am geselligen Leben beteiligen, ist heiter bis ausgelassen. Georg Pfandler, der pensionierte Hauptwerkmeister bei der Bahn, und seine Kollegen vom Heimbeirat plaudern mit Marianne Kies-Baldasty, Kreisvorsitzende des Sozialverbandes VdK in Amberg-Sulzbach. Die ehemalige SPD-Stadträtin ist heute ehrenamtlich als Gutachterin des "Grünen Hakens" zu Besuch.

102 Kriterien


"Unser Auftraggeber ist das Heimverzeichnis Frankfurt", erklärt die aktive Rentnerin "Wir werden ausgebildet und deutschlandweit eingesetzt." Für die Begutachtung einer Einrichtung werden 102 Kriterien abgefragt. "Für die Vergabe des ,Grünen Hakens' müssen mindestens 80 Prozent erfüllt sein." Die freiwillige Prozedur verteilt sich auf zwei Termine und gilt für zwei Jahre. Ein Gespräch mit dem Pflegebeirat steht ganz oben auf der To-do-Liste. "Die erzählen mir alles", sagt Kies-Baldasty lachend. "Jetzt ist es etwas unruhig", sagt Käthe Peterle, "wegen des Umbaus." Die gelernte Buchhalterin drückt sich sehr gewählt aus. Kein Wunder: "Ich lese vor allem religiöse Bücher und widme mich jeden Tag eine Stunde der Bibelarbeit."

Von übertriebener Frömmigkeit ist bei der 92-Jährigen nichts zu merken. Ständig huscht ein Lächeln über ihr Gesicht." Vor allem wenn sie an Heimleiter Egon Gottschalk denkt: "Ich könnte mir das Leben ohne ihn nicht vorstellen", schwärmt sie. "Seit etwas zehn Jahren ist er da, und seitdem ging's aufwärts." Deshalb verzeiht sie ihm das bisschen Unruhe für einen guten Zweck gern. Schließlich kann sie jetzt im lichtdurchfluteten Anbau ihren Kaffee trinken.

"Wenn das Essen nicht schmeckt", antwortet Johann Baringer nach langem Nachdenken auf die Frage, worum sich die häufigsten Beschwerden drehen. Der 80-jährige Schlosser ist ein geborener Interessenvertreter. Als Ehrenvorsitzender des Seniorenbeirats der Stadt hat er Einfluss, wenn es um die Belange seiner Altersgenossen geht. Er selbst wohnt noch zu Hause, hilft aber mit bei der Organisation des Freizeitprogramms. "Das letzte Mal gab's eine kulinarische Reise durch Südtirol mit dazu", sagt Baringer. "Beim nächsten Mal ist die Normandie dran." Und das koste keinen Cent, betont er.

300 Euro Taschengeld


Die Mehrheit der Heimbewohner fühlt sich hier wohl. Ein Thema, das dennoch alle belastet, sind die Finanzen: "Unser einziger Wunsch", sagt Pfandler, "dass wir nicht alle Jahre so eine Erhöhung bekommen." Dem Schwandorfer Urgestein, geboren im Rathaus, bleiben von der kleinen Beamtenpension im Monat 300 Euro. "Davon muss ich den Friseur und die Medikamente nach meiner Prostatakrebs-OP finanzieren."

Geld ist naturgemäß zentrales Thema für den Herrn des Hauses. Egon Gottschalk ist Mitglied im Verband bayerischer Heimleiter und - Ausnahme in der Branche - studierter Betriebswirt. Als solcher versteht er es nicht nur, das Haus ökonomisch zu führen. Der Regensburger setzt sich auch für die Belange seiner Mitarbeiter ein: "Ich habe die Trommel für eine Kundgebung in Nürnberg gerührt", erzählt der Chef. "Die Pflegenden sollten auf ihre belastende Tätigkeit aufmerksam machen."

Von 40 000 bayerischen Pflegekräften seien 200 gekommen. Die Bilanz aus seiner Einrichtung ist nicht viel besser: "Nur 5 ließen sich überzeugen", sagt er, "und das, obwohl ich angeboten hatte, die Dienste zu regeln und die Zugfahrt zu bezahlen." Pfleger seien einfach oft viel zu bescheiden. "Eine Pflegekammer wäre eine Chance, aber Ministerin Hummel hat sich mit ihrem Modell eines freiwilligen Rats durchgesetzt." Es gebe eine wissenschaftliche Untersuchung, wie viel Personal nötig wäre, um unter den Bedingungen des demografischen Wandels menschenwürdige Pflege zu garantieren. "Der Bund hat die Sache bis 2020 verschoben, vor dieser Zahl hat die Politik Angst." Man munkele: "Mindestens 20 Prozent mehr." Dabei machten schon heute die Personalkosten zwei Drittel aus - 130 Mitarbeiter sind fest angestellt vom Hausmeister über die Köchin bis zur Pflegefachkraft.

Mittlerweile befragt die Prüferin Josef Siml, verantwortlich für die Belegung des Hauses. Bis 1989 war er in der städtischen Verwaltung mit der Heimkostenabrechnung betraut. "Ich hatte bereits Einblicke, als ich hier herwechselte." Als das Heim selbstständiger Eigenbetrieb wurde, stand die Wirtschaftlichkeit des Hauses im Fokus: "Wir müssen eine schwarze Null erwirtschaften - eine heftige Herausforderung." Deshalb müsse das Haus ständig voll belegt sein.

Der Wohlfühlfaktor


"Wie ist Ihr Speiseangebot?", fragt Marianne Kies-Baldasty. "Täglich gibt es zwei Menüs zur Auswahl - auch mit Schonkost, wir haben einen Diätkoch bei uns im Haus." Und das Frühstück? "Ein Büfett, zwischen 7.30 und 9 Uhr - am Platz serviert oder man holt es sich selber." Die Gutachterin notiert fleißig mit. Wie sieht es mit alkoholischen Getränken aus? "Einmal in der Woche kommt ein Getränkedienst, der bringt das nach Bestellung aufs Zimmer."

Zum Schluss wird die Prüferin symbolisch den "Grünen Haken" unter den Bogen setzen. Das Haus ist bereits begutachtet - für unsere Zeitung hat sie den Test wiederholt. "Wir sehen uns als eine Ergänzung zum MdK", sagt Kies-Baldasty. "Wir messen vor allem den Wohlfühlfaktor."
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