Jugendlicher Flüchtling abgeholt und abgeschoben
Panik im Guten Hirten

Politik
Schwandorf
25.11.2016
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Die Fassungslosigkeit ist den Beteiligten deutlich anzumerken: Ein 16-jähriger Flüchtling wurde am Mittwochmorgen von Polizeibeamten aus dem Haus des Guten Hirten abgeholt und abgeschoben. Sein weiteres Schicksal ist unklar.

"Das Vertrauen ist erst einmal weg", sagt Otto Storbeck, der Chef des Haus des Guten Hirten. Das Gefühl der geschützten Umgebung, die der "Gute Hirte" den "Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen" bietet, habe einen Dämpfer erhalten. "In der Gruppe herrscht Panik, auch abgeholt zu werden", berichtet Sophie Huber, die im Guten Hirten verantwortlich für die jungen Menschen ist. Auch in der Berufsschulklasse des 16-Jährigen herrsche das "blanke Entsetzen", wie Schulleiter Ralf Bormann Oberpfalz-Medien mitteilte. Die Abschiebung habe den 16-jährigen Albaner, der seit rund eineinhalb Jahren in Schwandorf war, völlig unerwartet getroffen, so Huber. Gegen 6.15 Uhr am Mittwoch seien Polizeibeamte erschienen, mit einem Bescheid der Regierung der Oberpfalz, der eine sofortige Rückführung verlangte. Der 16-Jährige wurde nach München gebracht und in ein Flugzeug nach Tirana gesetzt. "Die Polizeibeamten haben sich korrekt verhalten," sagte Storbeck. Sein Unverständnis ist dennoch groß.

"Wir haben bis rauf zum Innenministerium telefoniert", sagte der Chef des Guten Hirten. Für die Zukunft des jungen Mannes, der unter der Obhut des Jugendamtes der Stadt Regensburg stand, habe es konkrete Pläne gegeben. Er sollte die Berufsschule abschließen und im kommenden Jahr in seine Heimat zurückkehren. Dann wäre eventuell eine weitere Einreise nach Deutschland erfolgt, um eine Ausbildung anzutreten. Außerdem sei der 16-Jährige in Behandlung gewesen. "Er war schwer traumatisiert", sagte Storbeck.

Kein Wunder, beim Blick in die Geschichte des 16-Jährigen: Sein Vater hatte seine Mutter getötet, deren Familie daraufhin Blutrache nahm. Der Bruder des 16-Jährigen wurde ermordet, der 16-Jährige mit dem Tode bedroht, berichtete Sophie Huber. Die Anträge und Klagen des Jugendlichen auf Asyl wurden aber abgelehnt. Die Abschiebung stand an. Dabei müsse mit den Behörden oder der Familie im Herkunftsland Kontakt aufgenommen werden und gewährleistet sein, dass der Minderjährige aufgenommen wird. Diese Kontaktaufnahme sei laut Regierung erfolgt, so Huber.

Allerdings: Am Mittwochnachmittag meldete sich der 16-Jährige völlig aufgelöst aus Tirana. Niemand habe ihn abgeholt, er wisse nicht, wohin. Über Umwege hält der junge Mann noch Kontakt zum "Guten Hirten". Er versucht derzeit offenbar, Verwandte in Tirana zu finden.

Storbeck und Huber sehen diese Praxis der Abschiebung als großes Problem: "Wie soll der Integrationsprozess gelingen, wenn Jugendliche ohne Vorwarnung aus ihrem Umfeld herausgerissen werden?"
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Stephan Dünnwald aus Neumarkt in der Oberpfalz | 29.11.2016 | 18:19  
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