Übergangsklassen für Flüchtlings- und Migrantenkinder in Kreuzberg-Mittelschule in Schwandorf
Zwischen Erfolg und Abschiebung

Daniela Ertl unterrichtet eine Übergangsklasse an der Kreuzbergschule in Schwandorf. Oft bringt sie alltägliche Gegenstände mit in den Unterricht, um mit den Kindern die deutschen Vokabeln zu erarbeiten. Bild: Hirsch
Politik
Schwandorf
08.02.2016
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Sie alle teilen ein ähnliches Schicksal und die gleiche Hoffnung: Kinder aus Flüchtlingsfamilien wollen ihr Trauma hinter sich lassen und eine neue Perspektive erkennen. Das ist nicht immer leicht - für Schüler und betreuende Lehrer in Übergangsklassen.

Die Glocke der Kreuzbergschule in Schwandorf läutet zum Unterricht. Hektisch drängen die Schüler durch die mit bunten Bildern aufgehellten Gänge zu ihren Klassenzimmern. 16 Schüler nehmen vor Daniela Ertl, Lehrerin der Übergangsklasse 7 bis 9, Platz. Ganz normaler Schulalltag - fast. Die Pädagogin zeigt auf ein Blatt Papier an der Wand. Konzentriert sprechen die Kinder die Wörter darauf nach: Sobh Be Kheyr, Sabahiniz xeyir, Dzien dobry - das bedeutet Guten Morgen auf Persisch, Aserbaidschanisch und Polnisch - die Muttersprachen der Schüler.

Kein allgemeines Konzept


Seit einem Jahr unterrichtet Ertl die Übergangsklasse. "Ziel ist es, den Kindern aus Flüchtlings- oder Migrantenfamilien Deutsch beizubringen. Das ist nicht immer leicht, denn ich spreche ihre Muttersprachen nicht, und auch untereinander sprechen die Schüler unterschiedliche Sprachen", erklärt die Lehrerin. Ertl übernahm die Klasse "von heute auf morgen". "Ich hatte Deutsch als Zweitsprache nicht studiert - es war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber ich wollte das unbedingt."

Ein allgemeines Konzept gebe es nicht. Ertl bereitete sich selbst auf ihre neue Aufgabe vor. "Ich habe Bücher gelesen, besuche Fortbildungen und informiere mich bei Kollegen, die schon länger Übergangsklassen unterrichten." Die Pädagogin setzt auf Lernen mit Bildern - ein System, das funktioniert. Ertl heftet bunte Aufnahmen an die Tafel. Darauf sind eine Nase, Haare, ein Gesicht und eine Frau zu sehen - Vokabeln, die die Schüler über das Wochenende lernen mussten. Gemeinsam wiederholen sie die Begriffe und korrigieren sich gegenseitig. "Obwohl sich die Kinder nicht verstehen, kommunizieren sie miteinander. Wir arbeiten viel mit Mimik und Gestik." Anschließend zeigt Ertl ein Bild von einem Mann, der in einer Werkstatt arbeitet.

Die Kinder setzen sich in einen Kreis, die Pädagogin legt Werkzeuge und Zettel mit den entsprechenden Begriffen in die Mitte. "Ich bringe oft Gegenstände von zu Hause mit, um den Kindern zu veranschaulichen, was sich hinter den Wörtern verbirgt." Amir, 15 Jahre alt, greift nach dem Zettel, auf dem mit großen Buchstaben "die Bohrmaschine" steht, und legt sie zielsicher unter den Bohrer. "Deutsch gefällt mir gut, aber sehr schwer", erklärt der Junge. Seit drei Monaten besucht er die Übergangsklasse. Der Iraner schlug sich alleine nach Deutschland durch - über Land und Meer. "Viel erzählt er nicht, nur, dass er auch schwimmen musste. Er lebt jetzt in einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge", erklärt Ertl.

Nachdem die Klasse alle Gegenstände benannt hat, tragen die Schüler die Wörter in ihr Übungsheft ein - sowohl in Deutsch, als auch in ihrer Muttersprache. Nur durch ständiges Wiederholen könnten die Jugendlichen die Sprache effektiv lernen. "Es ist schwierig, wenn Schüler während des Schuljahres zu uns kommen. Sie sind dann meist nicht so weit wie die anderen - ein ständiger Spagat. Aber ich habe eine super Klasse. Sie binden Neue sofort ein, untereinander gibt es keine Probleme." Das sei nicht immer so, wie Ertl aus Gesprächen mit Kollegen weiß. Schüler dürfen bis zu zwei Jahren in Übergangsklassen unterrichtet werden - nicht nur in Deutsch, auch alle anderen Fächer werden gelehrt. "Sport, Kochen und Kunst haben meine Schüler in Regelklassen - das funktioniert, auch wenn sie die Sprache nicht so gut verstehen. Gleichzeitig lernen sie die anderen Kinder kennen", erklärt die Pädagogin. Ziel ist es, sie komplett in eine Regelklasse einzugliedern. "Ich lege Wert darauf, ihnen zu zeigen, dass auch ihre Wurzeln wichtig sind und immer ein Teil von ihnen sein werden."

Belastende Situation


Ertl lebt für ihren Beruf. Dennoch gibt es Schattenseiten. Immer wieder würden Kinder, die schon länger in ihrer Klasse sind, mit ihren Familien abgeschoben. Erst vor kurzen erhielt sie die Nachricht, dass ein Schüler im Februar Deutschland verlassen müsse. "Das ist belastend und emotional äußerst schwierig - man weiß nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ich habe noch nie vor einer Klasse geweint, aber in solchen Situationen geht es nicht anders", erzählt sie.

Da einige Schüler traumatisiert seien, wünsche sich die Lehrerin einen Psychologen an die Hand. "Sobald sie ein wenig Deutsch können, kann ich zwar mit ihnen sprechen, aber ich habe keine Ausbildung." Günter Portner, Rektor der Kreuzbergschule, zieht nach fünf Jahren Übergangsklasse eine positive Bilanz. "Die Schüler bekommen eine gute Starthilfe, die ihnen den Weg in eine Regelklasse ebnet. Sie werden intensiv geschult." Ein paar Kinder schafften den Übertritt an ein Gymnasium. "Das sind zwar eher Ausnahmen - aber es ist ein Erfolg."

Kurse "Deutsch als Zweitsprache" für Lehrer im SchuldienstAn Schulen werden immer öfter "Übergangsklassen" angeboten. Kinder aus Flüchtlingsfamilien sollen dort Deutsch lernen. Im Laufe des Studiums wird ein Großteil der bayerischen Lehrer nicht auf diese Aufgabe vorbereitet.

"Man kann Kindern eine Sprache auch beibringen, wenn man ihre Muttersprache nicht versteht", ist sich Jenny Ungericht, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur Deutsch als Zweitsprache an der Universität Regensburg, sicher. Hier will das Institut für Sprachberatung Deutsch (ISD) ansetzen. Die erste Fortbildungsreihe startete im Dezember 2014. "Die Kurse sind in der Regel einmal im Monat", erklärt Ungericht. Der Inhalt der Weiterbildung orientiere sich stark an den Themen des Studiums "Deutsch als Zweitsprache".

"Unser Ziel ist, den Teilnehmern wissenschaftliche Grundlagen zu vermitteln, die sie praktisch im Alltag anwenden können." Doch Dozenten und Lehrer stehen vor vielen Problemen: Verschiedene Erst-Sprachen, Herkunftsländer, Vorkenntnisse, Interessen und Identitätskonzepte. Traumata und der prekäre Status als Flüchtling erschweren den Unterricht zusätzlich. "Es ist nicht einfach, eine pauschale Erklärung des "Wie" zu geben. Die Lehrer müssen individuell auf die Kinder eingehen." Entscheidend sei vor allem: Haben die Schüler die Grundlage der Erstsprache schon erworben?

Bis heute sei es kein Muss, an Fortbildungen teilzunehmen. "Das ist ein großes Manko. Sprachunterricht kann nur erfolgreich sein, wenn man dafür ausgebildet ist. Nur, weil Deutsch die Muttersprache ist, qualifiziert das nicht, Deutsch zu unterrichten", bedauert Ungericht. (juh)
Ich habe noch nie vor einer Klasse geweint, aber in solchen Situationen geht es nicht anders.Daniela Ertl, Lehrerin der Übergangsklasse an der Kreuzbergschule Schwandorf
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