Amtsrichter steht vor der Frage: Diebstahl oder nicht? - Strafprozess endet ohne Verurteilungen
Verwicklungen um einen Stapel Styroporplatten

Symbolbild: dpa
Vermischtes
Schwandorf
14.07.2016
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Schwandorf/Nabburg. Das Stück war fast bühnenreif für einen Einakter im Laientheater. In den Hauptrollen: Zwei Männer und 44 großflächige Isolierplatten aus Styropor. Als sich der Vorhang nach zwei Stunden senkte, war ungeklärt: Hatte man Diebe vor sich oder beruhte alles nur auf einem Irrtum?

Amtsgerichtsdirektor Ewald Ebensperger begab sich in die Rolle des ermittelnden Kommissars und forschte akribisch genau nach, auf welche Weise an einem Novemberabend 2015 in Nabburg elf Pakete nagelneuer Styroporplatten abhanden kamen. Er brachte zunächst heraus: Die mutmaßlichen Diebe rückten von außerhalb an, hatten einen Transporter dabei und luden das etwa 600 Euro kostende Isoliermaterial auf. Das gaben beide auch sofort zu.

Die Männer, so verdeutlichte sich, sind befreundet. Einer von ihnen, 43 Jahre alt, wollte seit langem seine Scheune renovieren und suchte deshalb nach ebenso dämmendem wie kostengünstigem Material. Der andere, 60-jährig, kam eher zufällig an einer Baustelle in Nabburg vorbei. Dort sollte ein Haus abgerissen werden. Also fragte er einen Mitarbeiter der vor Ort arbeitenden Baufirma, ob er denn aus dem alten Gemäuer ein Fenster, eine Türe und ein paar Waschbetonplatten haben könne. Das erlaubte der Polier.

Bei seinem Rückweg am Abend will der 60-Jährige dann nach eigenen Angaben gesehen haben, dass vor dem zum Abriss freigegebenen Gemäuer plötzlich "ein ganzer Berg Styroporplatten" lag. Also rief er seinen Kumpel an und überbrachte die freudige Nachricht, dass es Platten quasi zum Nulltarif gebe. Nicht lange danach fuhren sie mit einem Klein-Lkw vor und luden die sperrige und teilweise noch verpackte Fracht auf. 44 großflächige Platten. Nicht sehr schwer, "aber unquampert" wegen ihrer Maße, wie der Richter erfuhr.

Zu diesem Zeitpunkt des fast schon komödienhaften Prozesses tauchten mehrere Fragen auf. Die erste: Stammten die abtransportierten Styroporplatten überhaupt von dieser Baustelle? Und zweitens: Hatte der Mitarbeiter der Abrissfirma genehmigt, dass dieses Material aufgeladen werden durfte? Beides griff ineinander über. Der Mann, so ergab seine Zeugenvernehmung, hatte das keineswegs zugesagt. Denn das Styropor stammte nicht vom Gelände des Abrisshauses. Es war vielmehr, wie sich ergab, auf der nur wenige Meter entfernten Baustelle des evangelischen Gemeindehauses Nabburg gelagert. Weitere und nicht klärbare Fragen schlossen sich an. Zum Beispiel: Lagen diese Dämm-Erzeugnisse wirklich dort, wo sie die Angeklagten angeblich vorgefunden haben wollten? Oder logen sie, dass sich die Balken bogen?

Nichts zu beweisen


"Es riecht nach Freispruch", argumentierte der aus Regensburg gekommene Strafverteidiger Michael Haizmann. "Aber teilweise noch originalverpackte Styroporplatten kann man doch unmöglich aufladen. Die gibt es nicht umsonst. Egal, von welcher Baustelle", hielten Richter Ebensperger und Staatsanwältin Dr. Isabel Rupprecht dagegen.

Das vermeintliche Diebesgut war nach anlaufenden polizeilichen Ermittlungen zurückgegeben worden. Also entstand letztlich kein materieller Schaden. Das floss in längere Überlegungen mit ein. Die Posse um das dämmende Styropor, nach drei Transporterfahrten endlich weggebracht und dann auch wieder hingeschafft, endete schließlich ohne Schuldspruch. Der 43-Jährige muss 250 Euro an das Rote Kreuz zahlen. Dann wird das Diebstahlsverfahren gegen ihn eingestellt. Auch der 60-Jährige kam ohne Ahndung davon. Die Verfahrenseinstellung für den Rentner geschah mit dem richterlichen Hinweis darauf, dass gegen ihn noch Ermittlungen wegen Körperverletzung laufen. Das werde ohnehin nach vorläufiger Einschätzung eine fühlbare Strafe nach sich ziehen, ließ Richter Ebensperger erkennen.
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