Arbeiter von angehobenem Rohr getroffen - Kranführer vor Gericht
Baustellen-Unfall mit Tragweite

Vermischtes
Schwandorf
30.08.2016
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Schwandorf/Schwarzenfeld. Teile der Ladung lösten sich mit Getöse. Schwere Metallrohre fielen herab und trafen einen Bauarbeiter so heftig, dass er bis heute berufsunfähig ist. Über Stunden hinweg drehte sich nun beim Amtsgericht alles um die Frage: War ein Kranführer verantwortlich für das Unglück?

Schwer verletzt in Klinik


Sie standen am 3. Juni letzten Jahres auf einer Großbaustelle in Schwarzenfeld nur wenige Meter nebeneinander: Ein Kranführer aus Stendal und ein Arbeiter aus dem Bayerwald. Beide hatten in ihren Berufen langjährige Erfahrung. Zehn sogenannte Richtstützen mussten in die Höhe gehievt werden. Der 55-jährige Arbeiter lud sie auf eine Palette, brachte an beiden Enden Seile an und gab dem sein Gerät vom Boden aus per Fernsteuerung bedienenden Kranführer das Zeichen zum Anheben.

Die schwere Fracht war schon etliche Meter hoch, als sie plötzlich kippte. Aus dem Inneren der Stützen waren Metallrohre gerutscht, die man eigentlich mit Bolzen hätte sichern können. Das aber war zuvor nicht geschehen. Neun Rohre fielen in die Tiefe, zumindest eines davon traf den Arbeiter im Kopf- und Oberkörperbereich. Der Mann fiel zu Boden, er trug erhebliche Verletzungen davon. Im Amberger Klinikum wurde er später operiert.

Die Amtsrichterin Petra Froschauer stand vor einer schwierigen Klärung. Sie musste herausfinden, ob der 62 Jahre alte Kranführer fahrlässig das Unglück auslöste. Der Beschuldigte schwieg, er machte keine Angaben. So mussten dann viele Zeugen her. Doch keiner von ihnen war unmittelbar dabei, als der Vorfall geschah. Mit Ausnahme des damals schwer verletzten Arbeiters. Der aber konnte nicht kommen. Grund: Er befindet sich derzeit in einer Rehabilitationsmaßnahme. Vor der Polizei hatte er aber seinerzeit angegeben, sich an den Vorfall nicht mehr erinnern zu können. Von ihm kam auch kein Strafantrag gegen den Kollegen.

Im Verlauf des vierstündigen Prozesses verdeutlichte sich: Kranführer und der sogenannte "Anschläger", der die Fracht zu verladen hat, sollten eigentlich nach den Vorschriften ein konstant zusammenarbeitendes Team bilden. Doch den "Anschläger", wie ihn die Berufsgenossenschaft in ihren Vorschriften beschreibt, gab es dort nicht. Eigentlich, so stellte sich heraus, konnte jeder auf der Baustelle Beschäftigte Frachten für den Kran aufladen. Hinzu kam: Musste der seit 1986 tadellos als Kranführer arbeitende Mann damit rechnen, dass sich im Innern der Stützen ungesicherte Metallrohre befanden? Noch eine Frage blieb ungeklärt: Befand sich der Arbeiter zum Zeitpunkt des Unfalls noch immer im Bereich der über ihm schwebenden Last oder war er dahin nach ein paar Schritten über die Baustelle zurückgekehrt? Im Vorfeld des Prozesses hatte die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten eine Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage angeboten. Als er damit nicht einverstanden war, kam es zu einem Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung. Dagegen legte er Einspruch ein. Aus gutem Grund, wie seine Anwältin Rosemarie Lankes (Cham) ins Feld führte: "Für meinen Mandanten geht es um die Existenz." Denn zwischenzeitlich seien enorm hohe Kosten wegen der fortdauernden Arbeitsunfähigkeit des Verletzten aufgelaufen.

Nicht mehr im Beruf


"Wir sollten das Verfahren ohne Geldauflage einstellen", schlug Richterin Froschauer mit Zustimmung von Staatsanwalt Holger Vogl vor. Auch das wollte der Kranführer aus Stendal mit Blick auf mögliche Regressforderungen zunächst nicht akzeptieren. Erst als die Vorsitzende telefonische Rücksprache mit der Berufsgenossenschaft gehalten und erfahren hatte, dass nur bei grob fahrlässigem Verhalten zivilrechtliche Ansprüche geltend gemacht würden, zeigte sich der 62-Jährige mit der Verfahrenseinstellung einverstanden. Sie wurde im Protokoll wegen "leichter Fahrlässigkeit und äußerst geringem Verschulden" festgehalten. Seinen Beruf übt der Mann nicht mehr aus. Er hat um die Rente eingegeben.
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