Auftakt im Rohrbomben-Prozess
Nachbarn einen „Denkzettel“ verpassen

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Schwandorf
11.10.2016
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Amberg/Schwandorf. Ein Dorf ist auf den Beinen. Viele Steinberger machten sich am Montag auf den Weg nach Amberg, um dort Antworten auf die Frage zu erhalten: Was ist das für ein Mensch, der in seinem Heimatdorf eine Rohrbombe baut, um Mitbürgern schweren Schaden zuzufügen? Wegen einer Nichtigkeit, wie sich herausgestellt hat.

Der Hund hieß "Tasso" und immer, wenn er mit seinem Herrn in der Gegend um den Steinberger See spazieren ging, war auch ein anderer Ortsbewohner mit seinem Vierbeiner dabei. Doch dann mussten die beiden Hunde aus Krankheitsgründen kurz nacheinander eingeschläfert werden. "Tassos" Besitzer ließ seinen toten Hund beim Tierarzt, sein Bekannter nahm den Kadaver mit heim, um ihn dort im Familienkreis zu begraben. Später kam aus dieser Familie Missfallen zum Ausdruck, dass der treue "Tasso" in die Tierkörperverwertung gegeben wurde. Das drang über Dritte an das Ohr seines Besitzers.

In Holzscheit deponiert


Ab dann sollte wohl der Familie ein Denkzettel verabreicht werden. Was daraus in einem schier aberwitzigen Plan wurde, beschäftigt seit Montag das Amberger Schwurgericht. Der 68-Jährige, aus der U-Haft vorgeführt und des Mordversuchs beschuldigt, ließ über seinen Anwalt Dr. Gunther Haberl einräumen, dass er zusammen mit einem anderen Steinberger eine Rohrbombe baute, ein Scheit vom Holzstoß der nicht weit von ihm entfernt wohnenden Familie nahm und das mit hochbrisanter Schießbaumwolle gefüllte Rohr in dem Scheit deponierte. "Ohne Tötungsabsicht", wie es in der Erklärung hieß. Der mutmaßliche Handlanger, 53 Jahre alt, hat sich heuer im Mai in seiner Haftzelle das Leben genommen. Ihm soll, so ließ sich der vom Angeklagten veranlassten Verlautbarung entnehmen, eine nicht unerhebliche Rolle beim Herstellen des Sprengsatzes zugekommen sein. Fragen, die darauf gründen, können nicht mehr beantwortet werden. Zum Beispiel diese: Welchen Anlass hätte der 53-Jährige gehabt, beim Bau aktiv mitzuwirken?

Im Gerichtssaal blickt der 68-Jährige seinen als Nebenkläger auftretenden Opfern ins Auge: Ein 59-Jähriger, dessen Ehefrau (58) und dem Vater des 59-Jährigen. Er hatte kurz nach der Weihnachtszeit von einem Bekannten per Telefonanruf erfahren, dass möglicherweise ein Holzscheit mit Sprengstoff präpariert und wieder auf einen nicht weit von seinem Haus entfernt stehenden Stapel zurückgelegt worden sei. Was dann kam, war - wie sich zum Prozessauftakt ergab - sehr bemerkenswert: Der Mann ging zur Schwandorfer Polizei, erzählte seinen Verdacht und löste keine Wirkung aus. Auch am Abend des 14. Januar, als die Bombe im Schwedenofen seines im ersten Obergeschoss wohnenden Sohnes explodiert war, erschienen Polizisten. Als einer der Beamten das Metallrohr auf dem Rost des Ofens fand, änderte sich die Betrachtungsweise. Ab dann gab es Großeinsatz.

Schwer traumatisiert


Der 59-Jährige und seine Frau sind seit der Detonation schwer traumatisiert. "Unser Leben ist auf den Kopf gestellt", berichtete der 59-Jährige vor dem Schwurgericht. Bei ihm hat sich ein Tinnitus-Leiden verstärkt. Seine Frau ist in therapeutischer Behandlung. Das Scheit mit der Rohrbombe lagerte offenbar seit Herbst letzten Jahres auf dem an einem Waldrand stehenden Holzstoß der Familie. Dann wurde es in einen Kellerraum verfrachtet und am 14. Januar vom Sohn des Besitzerpaares hinauf in dessen Wohnung gebracht.

Im weiteren Fortgang des Verfahrens wird es wesentlich auf das Gutachten eines Sachverständigen des Bayerischen Landeskriminalamts ankommen. Er soll sagen, ob von der Rohrbombe tödliche Gefahr ausging. Erst dann wären wohl die Rechtsgrundlagen für einen Mordversuch gegeben. (Seite 3)
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