Bildhaftigkeit des Dialekts
Was es mit dem Blau machen so auf sich hat

Vermischtes
Schwandorf
02.07.2016
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Die drei Hauptattribute, die im Zusammenhang mit dem Dialektwortschatz immer wieder genannt werden, sind seine Klangfülle, Ausdrucksstärke und Bildhaftigkeit. Diese kommen vor allem in Sprichwörtern und Redewendungen zum Tragen. In einem der Beiträge dieser Kolumne wurde bereits darüber berichtet, und zwar über die Bildungsmuster.

Als mindestens genauso interessant wie die formale Seite erweist sich die inhaltliche. Um ein besonders prägnantes Beispiel handelt es sich bei dem Spruch "Weecha oiner Stauern fräckt koi Goas." Bei der Erschließung des Sinns hilft die wortwörtliche Übertragung in das Standarddeutsche überhaupt nicht weiter, denn diese lautet: "Wegen eines Strauchs verendet keine Ziege." Weder die erwähnte Pflanze noch das involvierte Tier und schon gar nicht dessen Ableben geben einen konkreten Hinweis auf die Bedeutung.

Dem Mundartsprecher dagegen, der mit der Aussage vertraut ist, wird sofort klar, was damit - in einem beschwichtigend-tröstenden Ton - zum Ausdruck gebracht werden soll, nämlich: "Dieser Vorfall ist kein großes Problem." Beziehungsweise "Mach dir nichts draus, das ist nicht so tragisch." Dies besagt, dass es in der Standardsprache einer nüchternen Erklärung fernab jeder inhaltlichen Parallelität und metaphorischen Bildhaftigkeit bedarf, um den Sinngehalt zu vermitteln.

Ein weiteres Sprichwort im Dialekt, das in diese Richtung geht, lautet: "A anderne Muader hod à schejne Dechter. (Eine andere Mutter hat auch schöne Töchter.)" Während in diesem Fall der Sachverhalt auf der Hand liegt, nämlich die Tatsache, dass der misslungene Versuch, bei einer Angebeteten zu "landen", dadurch kompensiert werden kann, dass man es bei einer anderen erneut probiert, lassen sich bei der oben ins Spiel gebrachten Ziege allenfalls Schlussfolgerungen bzw. Vermutungen anstellen, um einen Zusammenhang zwischen Form und Inhalt herzustellen.

Es bietet sich folgende an: Wenn eine Ziege von einem einzigen Strauch frisst, der ihr nicht bekommt, ist die Gefahr noch nicht so groß, dass sie dadurch zu Tode kommt. Bei mehreren dagegen wächst die Wahrscheinlichkeit. Was hier als so selbstverständlich formuliert wird, ist nicht ganz bar jeglichen Zweifels. Bei Redewendungen sollte man sich nämlich vor allzu apodiktischen, volksetymologischen Deutungen hüten, das heißt, dem Versuch, den Ursprung eines Ausdrucks nach eigenem Gutdünken so zu interpretieren, wie man es entweder aufgrund von Anlehnungen an Bekanntes oder von Mutmaßungen für richtig hält, ohne hieb- und stichfeste kulturhistorische Anhaltspunkte zu haben.

Inwieweit solche überliefert sind, hängt vom Einzelfall ab, wie etwa bei dem standardsprachlichen "blau machen": Wollten Färber Stoffe mit Indigo färben, mussten sie eine Farbstofflösung mit einem bestimmten pH-Wert anrühren. Dieser wurde durch Anreichern der Färbelauge mit Urin erreicht. Um die erforderlichen Mengen zu erhalten, mussten oder durften die Färber große Mengen Alkohol trinken. Mit der Konsequenz, dass an diesen Tagen bei den Färbern sonst nicht mehr viel lief. Es wurde eben "blau gemacht" (Quelle des Beispiels "blau machen": http://www.detlev-mahnert.de/redewendungen.html).

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/themen/dialekt
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