Deutsche Polizeigewerkschaft fordert Elektroschockpistolen
Polizei unter Strom

Beamte eines Sondereinsatzkommandos der Polizei Frankfurt simulieren den Einsatz eines Tasers. Bild: dpa
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Schwandorf
02.03.2016
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Bei einem Einsatz kann es nicht unser Ziel sein, eine Person zu töten. Unser Ziel ist es, eine Person zu stoppen.

Michael Radner zielt und drückt ab. Sein Gegenüber stöhnt und geht zu Boden. Radner führt die Funktion von Elektroschockpistolen vor. Geht es nach der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), sollen die sogenannten "Taser" bald im Streifendienst eingesetzt werden.

"Geht es Ihnen gut?", fragt Radner, der für die Firma Taser arbeitet, den am Boden liegenden Georg Söldner. "Ja" lautet dessen Antwort. Als "absolut unangenehm" beschreibt Söldner, DPolG-Kreisvorsitzender in Amberg, die Situation. Er hatte sich bei der Taser-Infoveranstaltung der Gewerkschaft in Schwandorf freiwillig als Testperson gemeldet. Nur so könne er bei der Diskussion um den Einsatz der Elektroschockgeräte wirklich mitreden, erklärt er. Franz Eichenseher, Stellvertretender Vorsitzender des DPolG-Bezirksverbands Oberpfalz, sieht das ähnlich. "Man verkrampft sofort und wird steif", schildert er. Gleichzeitig habe er jedes Wort und jede Geste um sich herum wahrgenommen: "Nur bewegen konnte ich mich eben nicht."

Keine Folgeschäden


Ein Schuss aus dem Taser macht eine Zielperson für fünf Sekunden bewegungsunfähig. Kurze Elektroimpulse - 19 Stück pro Sekunde - lassen die Muskeln verkrampfen. Mit Ende der Elektroschocks konnten sich Söldner und Eichenseher aber sofort wieder bewegen. Die Männer klagten weder über Schmerzen noch hatten sie Verletzungen. Beide sind sich einig: Im Einsatz wäre ihnen ein solches Distanz-Elektro-Impuls-Gerät deutlich lieber als eine möglicherweise tödliche Schusswaffe.

"Bei einem Einsatz kann es nicht unser Ziel sein, eine Person zu töten. Unser Ziel ist es, eine Person zu stoppen", sagt auch Michael Hinrichsen, Vorsitzender der DPolG Oberpfalz. Zum Beispiel bei einem Messerangriff stehe der Polizei derzeit nur die Schusswaffe als geeignetes Mittel zur Verfügung - mit dem Risiko zu töten. "Diese Lücke würden wir gerne schließen und sagen, bevor wir die Pistole ziehen, ziehen wir im Extremfall den Taser."

Gerade im Streifendienst sei der Taser sinnvoll. "70 Prozent der Angriffe auf Polizeibeamte passieren im Alltagsgeschehen", erklärt Hinrichsen. Eine Auseinandersetzung vor einer Kneipe oder ein Unfall, bei dem einer Beteiligten "durchdrehe" - oft hätten die Polizisten kein geeignetes Hilfsmittel, um der Situation gerecht zu werden.

32 Einsätze in zehn Jahren


Die Entscheidung, ob der Taser in Zukunft bei der Bayerischen Polizei eingesetzt wird, liegt allerdings beim Innenministerium. Getestet wurden die Geräte in den vergangenen zehn Jahren bereits in Spezialeinheiten der Polizei. Bei 32 Taser-Einsätzen kam es dabei lediglich zu kleineren Verletzungen wie Schürfwunden durch Stürze. "Nach unseren bisherigen Erfahrungen hat sich der Taser als zusätzliches Einsatzmittel unserer Spezialeinheiten bewährt", betont Innenminister Joachim Herrmann. Trotzdem sei für einen sicheren Einsatz des Tasers ein hoher Schulungs- und Trainingsaufwand nötig.

Aus diesem Grunde habe sich in Regensburg nun eine Arbeitsgruppe gegründet: Polizeiexperten aus den verschiedensten Bereichen beschäftigen sich ergebnisoffen mit den Einsatzmöglichkeiten und -grenzen der Geräte. "Die Arbeitsgruppe wird ausgehend von den bisherigen Erfahrungen bei den Spezialeinheiten vor allem auch einsatztaktische, medizinische und rechtliche Erwägungen miteinbeziehen", fährt Herrmann fort. Mit ersten Ergebnissen ist bis Ende des Jahres zu rechnen.

Bei einem Einsatz kann es nicht unser Ziel sein, eine Person zu töten. Unser Ziel ist es, eine Person zu stoppen.Michael Hinrichsen, Vorsitzender der DPolG


Einsatz gut überlegen
Angemerkt von Eva-Maria Hinterberger

Im April 2009 erschossen Polizisten den 24-jährigen Tennessee Eisenberg in einem Regensburger Treppenhaus. Weder Pfefferspray noch Schlagstock brachten den jungen Mann, der mit einem Messer zuerst auf seinen Mitbewohner und dann auf die Polizei losging, zur Besinnung. Es blieb nur noch der Griff zur Dienstwaffe.

Mit ihrer Forderung, die bayerischen Polizeibeamten mit Tasern auszustatten, will die Deutsche Polizeigewerkschaft nun die Lücke zwischen Schlagstock, Pfefferspray und Schusswaffe schließen. Trotzdem sollte der Einsatz des Gerätes gut überlegt sein.

Falsch angewendet kann auch der Taser zur tödlichen Waffe werden - für beide Seiten. Weiß der Benutzer nicht, mit dem Gerät umzugehen, kosten ihn die Sekunden, die sein Gegenüber dadurch gewinnt, womöglich das Leben. Steht die Zielperson wiederum an einer ungünstigen Stelle - etwa auf einer Treppe - kann es für ihn böse ausgehen.
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