Dialekt lebt von der Kleinräumigkeit
"Flejnggirgl" und "Brenesterer"

Wer ist ein "Flejnggirgl"? Ein Mann, der Fliege statt Krawatte trägt? Garantiert nicht. Aber über die genaue Bedeutung des Begriffs gehen die Meinungen auch auseinander. Bild: Götz
Vermischtes
Schwandorf
18.06.2016
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In der Sprachinhaltsforschung wird die These vertreten, dass die Mundarten trotz aller Verflechtungen ein im Kern jeweils spezifisches, nach einer so genannten inneren Form gestaltetes Inhaltssystem aufweisen. Mitunter wird dafür auch der Ausdruck "dialektales Weltbild" verwendet. Dieses besteht aus Klassifizierungen, Generalisierungen, Differenzierungen, Konnotationen, Erkenntnissen, Normen und Beziehungsmustern, die für jeden Angehörigen der jeweiligen Dialektgruppe ein gewisses Maß an sozialer Verbindlichkeit besitzen.

Diese Sichtweise lässt sich durch die Tatsache belegen, dass Dialekte auch heute noch eine starke Kleinräumigkeit und (neben der Lautung) innerhalb weniger Kilometer zum Teil erheblich voneinander abweichende Wortschatzeigenheiten aufweisen. Diese lassen sich am ehesten in Form von Wortfeldern aufzeigen, anhand derer ein Vergleich mit anderen Mundarten angestellt werden kann.

Aus der im Nordbairischen vorhandenen Fülle seien zwei herausgegriffen und einer näheren Betrachtung unterzogen, nämlich "Einfaltspinsel" und "Rausch". Laut Duden ist "Einfaltspinsel" die umgangssprachlich abwertende Bezeichnung für einen einfältigen, das heißt einen wenig geistreichen, Menschen. Im heimischen Dialekt finden sich dafür unter anderem folgende Wörter: Dàppl, Dolde, Gaougl, Hädschhädsch, Hoidàchtl, Lale und Simpl. Während von ihnen zum Beispiel "Dàppl" sehr weit verbreitet ist, scheint "Hädschhädsch" über einen sehr geringen Bekanntheitsgrad zu verfügen.

Diesbezügliche Aussagen lassen sich durch Umfragen nur sehr schwer belegen, da diese mit einem sehr hohen Aufwand verbunden sind. Eine solche Umfrage wurde beispielsweise im Jahr 2001 vom Heimatkundlichen Arbeitskreis Oberviechtach unter 2409 Probanden in der Schulregion des Ortenburg-Gymnasiums mit einem 60 Ausdrücke umfassenden Fragebogen gemacht. Anschließend wurden die 144 540 Wörter unter den Gesichtspunkten der Bekanntheit und der Verwendung ausgewertet.

Ein weiteres Wortfeld, das einen ähnlichen Befund zutage fördert, ist "Rausch". Hier existieren die folgenden dialektalen Bezeichnungen: Blescher, Brenesterer, Duliö, Hachtn, Surres, Wenter und Zinterer. Während sich beim Wortfeld "Einfaltspinsel" innerhalb der verschiedenen Varianten bedeutungsmäßige Nuancen feststellen lassen, ist dies bei "Rausch" kaum der Fall. Jedoch scheint ein Wort ebenfalls eingeschränkter in Gebrauch zu sein, nämlich "Brenesterer". All diese Wörter würden sich sehr gut für das Ratespiel "Host mi?" des Bayerischen Fernsehens mit dem Experten Professor Dr. Anthony Rowley eignen, bei dem regelmäßig am Nachmittag ein bestimmter ausgefallener Mundartausdruck zu erraten ist.

Dass dabei selbst bei ein und demselben Wort zum Teil extrem unterschiedliche Bedeutungen auftauchen, zeigte sich jüngst, als es darum ging, einen "Flejnggirgl" näher zu beschreiben. Interessanterweise ließ man die Erklärung "Luftikus", das heißt einen charakterlichen Wesenszug, nicht gelten, sondern bezog sich bei der Lösung einzig und allein auf die Körpergröße. Dies war ein Beleg dafür, dass der Experte nur über einen Bedeutungsaspekt aus einer bestimmten Region - im vorliegenden Fall Roding - verfügte und sich des anderen anscheinend nicht bewusst war, womit der Zuschauerin, die "Luftikus" als Lösung angeboten hatte, Unrecht getan wurde. Ihr Vorschlag wurde nicht akzeptiert.

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/themen/dialekt
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