Dialektserie
Das Französische im Oberpfälzischen

Oh la la, denkt sich der Franzose, viel Bagage. Der Oberpfälzer reibt sich da nur verwundert die Augen. Er sieht keine Bàgàsch und fragt sich, über wessen Bàgàsch da überhaupt geredet wird. Bild: NT-Archiv
Vermischtes
Schwandorf
05.03.2016
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"Bai dem Làckl kennt ma scho an der Visàsch, das er zu dera Bàgàsch kert." - Jeder Sprecher des Nordbairischen wird diesen Satz verstehen und sich auch der deftigen Ausdrucksweise gewahr sein, die er beinhaltet. Mit ihm wird in knappen, aber sehr treffenden Worten und ohne Umschweife ein Sachverhalt wiedergegeben, der sich folgendermaßen in die Standardsprache übertragen lässt: "Das Gesicht dieses ungehobelten Kerls verrät seine Zugehörigkeit zu diesem Pack."

Sowohl die Derbheit als auch die damit einhergehende Prägnanz des Eingangssatzes sind auf drei Wörter zurückzuführen, die in einem Bereich angesiedelt sind, der im Deutschen allgemein und in den bayerischen Dialekten im Besonderen sowohl sprachlich als auch kulturhistorisch eine lange Tradition besitzt, nämlich der Einfluss der französischen Sprache.

Bei diesen drei Wörtern handelt es sich fast schon um "Klassiker", nämlich "Làckl", "Visàsch" und "Bagàsch". Während aber den beiden letztgenannten zumindest von der Wortform her eine klar ersichtliche französische Wurzel zugrunde liegt, nämlich "le visage (Gesicht)" und "le bagage (Gepäck)", ist man bei "Làckl" mehr oder weniger auf eine Vermutung angewiesen. Urheber soll der französische General Ezéchiel de Mélac (1630-1704) sein, dessen Truppen mit großer Brutalität während des Pfälzer Erbfolgekrieges (1688 -1697) große Teile der Kurpfalz sowie Städte in Württemberg und Baden verwüsteten. Wenn er in der Öffentlichkeit auftrat, soll er oft von einem Rudel scharfer Hunde begleitet worden sein. Angeblich hetzte er diese auch auf Menschen. Von daher wurde sein Name zur Grundlage des Schimpfworts "Làckl".

Aber auch bei den beiden anderen Wörtern liegt keine unmittelbare Übertragung aus dem Französischen vor, denn sie haben im Deutschen eine Bedeutungsverengung bzw. -veränderung erfahren. Während nämlich "visage" im Französischen wertneutral verwendet wird, schwingt im Deutschen eine Konnotation mit, die im Duden als "salopp abwertend" beschrieben wird. Bei "bagage" wiederum wird die ursprüngliche Bedeutung ("Gepäck") im Deutschen kaum mehr verwendet.

Die Geschichte des Einflusses der französischen Sprache im Deutschen geht bis in das 12. Jahrhundert zurück. Besonders nach dem 2. Kreuzzug (1147-1149) nahm der Stellenwert der französischen Lebensart und Sprache zu, und infolgedessen gelangten Wörter aus dem Nachbarland ins Mittelhochdeutsche. Im 14. Jahrhundert war diesbezüglich ein Rückgang zu verzeichnen, und im 15. Jahrhundert waren es in erster Linie Ausdrücke aus dem kaufmännischen Bereich, die ihren Weg ins Deutsche fanden. Im 16. Jahrhundert, als Frankreich wirtschaftlich, militärisch und kulturell eine große Ausstrahlungskraft besaß, kann man von einer neuen Entlehnungswelle sprechen.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Zeitalter des Absolutismus, als das Französische in gebildeten Kreisen zum guten Ton gehörte. Ein letzter Aufschwung vollzog sich in den Napoleonischen Kriegen, wovon vor allem Bayern betroffen war. Durch die Händler und Soldaten drang das Französische bis in den Alltag der Städte und Dörfer vor und hinterließ seine Spuren in den jeweiligen Mundarten. Dieser Einfluss wird in unserem nächsten Beitrag zu diesem Thema mit einer Reihe anschaulicher Beispiele einer genaueren Betrachtung unterzogen.
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